Hoch hinaus

Von fehlenden Bänken, müden Beinen und schöner Aussicht

Ich bin ja gerade zur Reha im Schwarzwald. Ich liebe es, dass hier überall Natur ist. Berge, Wald, Ruhe, Aussicht. Das ist einfach voll meins. Und gleichzeitig merke ich hier auch ziemlich schnell, woran es gerade noch hapert: Meine Kondition ist nämlich, nett gesagt, echt nicht besonders top.

Heute Morgen um sechs war ich draußen und habe meinen Kaffee getrunken. Ich saß an einem Aussichtsplatz, hatte meine Ruhe und hätte danach auch einfach wieder reingehen können. Mich frisch machen und dann ganz normal zum Frühstück. Das wäre auf jeden Fall der bequemere Weg gewesen.

Stattdessen war da dieser andere Gedanke: Wenn ich schon mal draußen bin, dann kann ich jetzt auch noch die Gegend erkunden und den Berg weiter hoch marschieren.

Et voilà. Kaum gedacht, schon Widerstand. Dieses innere Abwägen. Ach komm, geh einfach wieder rein. Es ist bequemer, entspannter, und du gehst nachher ja eh noch spazieren.

Und dann habe ich mich spontan gegen den bequemen Weg entschieden und bin losgelaufen.

Den Jägerpfad hoch. Und der hatte es wirklich in sich. Zickzack durch den Wald, immer weiter bergauf, richtig anstrengend. Ich musste zwischendurch immer mal wieder kurz stehen bleiben, einfach um zu verschnaufen. Da habe ich mit leichtem Erschrecken festgestellt, wie schnell ich gerade außer Atem bin und dass meine Kondition echt im Keller ist.

Aber genau deshalb bin ich ja unter anderem auch hier: um mich wieder auf Vordermann zu bringen. Nicht nur seelisch, sondern auch körperlich. Schritt für Schritt fitter werden. Letztes Jahr gab es quasi Reset und Neustart für die Psyche, und jetzt eben für alles Physische.

Was ich bei meiner kleinen Bergsteigerei heute Morgen echt spannend fand: Da, wo eine Bank stand, brauchte ich sie gar nicht. Und da, wo ich wirklich gern eine Ausruhbank gehabt hätte, war keine. Im Nachhinein vielleicht gar nicht so schlecht. So bin ich einfach nur kurz stehen geblieben, habe durchgeatmet und bin weiter. Ohne in Versuchung zu kommen, mich hinzusetzen und danach womöglich wieder umzukehren.

Ich rang also ein paar Minuten nach Luft und dachte mir dann: Hilft ja nichts. Also weiter.

Und siehe da: Das funktioniert dann auch.

Oben angekommen kam dann die erste Belohnung: die Aussicht. Diese Weite, diese Ruhe, dieser Ausblick. Ich habe Fotos gemacht und einfach kurz genossen, da oben zu stehen.

Dann wollte ich weitergehen, damit sich am Ende ein schöner Rundweg ergibt. Ich mag das einfach lieber, wenn es ein gegangener Kreis wird und man nicht denselben Weg wieder zurück muss.

Als ich dann auf die Ausschilderung geguckt habe, sah ich allerdings, dass ich dann irgendwo in Timbuktu rauskomme und eben nicht wieder bei der Rehaklinik.

Wieder: Widerstand.

Nun gut. Ich bin dann also doch denselben Weg wieder zurück gegangen.

Ich sag es, wie es ist: Cool fand ich es nicht. Ich hätte lieber meinen Kreis geschlossen.

Im Nachhinein war es aber genau richtig. Denn kaum ging es bergab, habe ich gemerkt, wie angenehm das war. Leicht, entspannt, fast schon federnd. Vor allem im Vergleich zum anstrengenden Hochgehen. Und da dachte ich nur: Ja okay, genau dafür hat sich das alles also auch gelohnt.

Nicht nur für die Aussicht oben. Sondern auch für dieses Gefühl danach. Für dieses angenehme Runtergehen. Für dieses Merken, dass nicht immer alles so laufen muss, wie ich es mir vorher ausgedacht habe. Und dass manchmal genau in dem Moment, in dem man umdenken muss, etwas entsteht, was am Ende genauso gut oder vielleicht sogar besser passt.

Eigentlich war das heute ein perfektes Beispiel dafür, wie viel leichter es wird, wenn man die Dinge so nimmt, wie sie sind, statt sich darüber aufzuregen oder gleich wieder aufzugeben.

Es war anstrengend, ja. Es gab Widerstand, auch ja. Aber immer wieder war da auch dieser Punkt, an dem ich dachte: Okay, dann eben so.

Und genau das war am Ende richtig gut.

Ich kam wieder in der Klinik an und war einfach nur froh, dass ich losgegangen bin. Müde Beine, aber ein gutes Gefühl. Und irgendwie auch wieder ein kleines Stück mehr bei mir.

Stay wonderful!

Deine Anne