Warum du nicht alles können musst, um wertvoll zu sein

Warum du nicht alles können musst, um wertvoll zu sein

Manchmal hörst du etwas und denkst: Was für ein schöner Vergleich. Und dann merkst du, dass da viel mehr drinsteckt. Dass es dich gerade ein Stück aus dem Mangeldenken rausholt, weil wir uns so schnell darin verlieren, auf das zu schauen, was fehlt. Auf das, was wir nicht können. Auf das, was andere scheinbar besser machen.

Ich mache bei Julia Sahm gerade meine Ausbildung zum SHINE-Coach (Coach für emotionales Essen), und neulich hat sie einen Vergleich gebracht, der bei mir richtig hängen geblieben ist. Es ging darum, rauszugehen aus diesen ständigen Vergleichen. Raus aus dem Sich-selbst-kleinmachen. Raus aus diesem inneren Film, in dem andere scheinbar alles besser können und man selbst nur noch auf das schaut, was gerade nicht funktioniert.

Bei mir ist Englisch zum Beispiel so ein Ding. Da merke ich richtig, wie schnell ich mich daran aufhängen kann. Ich kann nicht gut Englisch. Ich fühle mich unsicher. Ich habe da eine Blockade. Und dann ist mein Kopf sofort dabei, daraus mehr zu machen, als es eigentlich ist. Dann geht es nicht mehr nur um Englisch. Dann fühlt es sich plötzlich so an, als wäre ich nicht souverän genug, nicht professionell genug, nicht weit genug, nicht was auch immer.

Und genau das ist Quatsch.

Denn Englisch ist eine Fähigkeit. Nicht mein Wert. Nicht meine Intelligenz. Nicht meine Tiefe. Nicht meine Fähigkeit, Menschen zu erreichen. Wenn ich mich nur darauf konzentriere, was mir schwerfällt, sehe ich plötzlich nicht mehr, was ich kann. Ich kann schreiben. Ich kann kommunizieren. Ich kann Dinge auf den Punkt bringen. Ich kann Menschen berühren. Ich kann Worte finden für Gefühle, die viele selbst noch gar nicht richtig greifen können. Ich bin loyal. Ich bin fürsorglich. Ich sehe meistens das Positive in einer Sache. Ich gehe immer wieder aus meiner Komfortzone raus, auch wenn ich innerlich nicht gerade entspannt mit Konfetti wedel.

Und trotzdem reicht manchmal eine Sache, die nicht gut läuft, und schon macht der Kopf daraus eine komplette Grundsatzdiskussion über den eigenen Wert. Dabei ist genau das so unfair. Nur weil eine Sache schwerfällt, heißt das nicht, dass alles andere nichts zählt.

Julia hat dazu ein Bild benutzt, das ich richtig schön fand. Sie sagte sinngemäß: Wenn wir alle Sonnen wären, wäre die Welt keine schöne helle Welt. Sie wäre eine Gluthölle.

Und ja. Genau so ist es.

Wenn alle nur Sonne wären, wäre es irgendwann einfach zu viel. Zu heiß. Zu trocken. Zu einseitig. Da wächst nichts mehr gesund. Die Welt braucht nicht nur Sonne. Sie braucht auch Regen. Sie braucht Unterschiedlichkeit. Sie braucht Menschen, die anders fühlen, anders denken, anders sprechen, anders handeln und andere Dinge mitbringen.

Es braucht nicht nur die Lauten. Nicht nur die, die sofort souverän wirken. Nicht nur die, die auf jeder Bühne glänzen. Nicht nur die, die alles perfekt formulieren können. Es braucht auch die Leisen. Die Tiefen. Die Warmen. Die Klaren. Die Lustigen. Die Strukturierten. Die Mutigen. Die, bei denen man einmal kurz ausatmen kann, weil man merkt: Hier muss ich mich nicht verstellen.

Und das ist nicht weniger wert.

Wir tun nur oft so, als wäre nur das wertvoll, was sofort sichtbar ist. Was glänzt. Was beeindruckt. Was sich gut verkaufen lässt. Aber manchmal liegt der Wert ganz woanders. In einem ehrlichen Satz. In einer Nachricht zur richtigen Zeit. In Loyalität. In Fürsorge. In einem Menschen, der nicht sofort alles schlechtredet, sondern erstmal schaut, was trotzdem gut ist.

Vielleicht sollten wir uns viel öfter fragen: Was kommt eigentlich durch mich in die Welt? Nicht immer nur: Was kann ich nicht? Wo bin ich nicht gut genug? Was machen andere besser? Wo müsste ich noch optimierter, souveräner, disziplinierter oder beeindruckender sein? Sondern wirklich mal ehrlich: Was bringe ich mit? Was fällt mir leicht, obwohl es für andere vielleicht gar nicht leicht ist? Was gebe ich anderen, ohne es überhaupt groß zu merken? Wo bin ich längst wertvoll, obwohl mein Kopf gerade an irgendeiner Unsicherheit festhängt?

Und nein, das heißt nicht, dass wir nichts mehr lernen dürfen. Natürlich dürfen wir wachsen. Natürlich darf ich Englisch lernen. Natürlich darf ich sicherer werden, sichtbarer werden, mutiger werden und Dinge ausprobieren, die mich herausfordern. Aber bitte nicht aus Selbstverachtung. Nicht aus diesem Gefühl: Ich bin erst gut genug, wenn ich auch das noch kann. Sondern weil ich Lust habe, mich weiterzuentwickeln. Weil ich neugierig bin. Weil ich mir selbst etwas zutrauen möchte. Weil ich nicht stehenbleiben will. Aber eben nicht, weil ich mich vorher kleinmachen muss, um überhaupt loszugehen.

Ich darf lernen, ohne mich fertigzumachen. Ich darf wachsen, ohne mich vorher abzuwerten. Ich darf sehen, was andere gut können, ohne daraus direkt einen Beweis gegen mich zu machen. Und ich darf gleichzeitig anerkennen, was ich selbst mitbringe.

Denn vielleicht ist genau das der Punkt: Ich bin nicht hier, um alles zu können. Ich bin hier, um meinen Teil beizutragen. Und dieser Teil muss nicht aussehen wie der von jemand anderem.

Vielleicht bin ich nicht in allem souverän. Vielleicht kann ich nicht alles. Vielleicht gibt es Dinge, bei denen ich unsicher bin. Ja. Und?

Das heißt nicht, dass ich nichts zu geben habe.

Im Gegenteil.

Vielleicht bin ich gerade in anderen Dingen genau die Person, die jemand gebraucht hat.

Und das zählt.

Sehr sogar.

Du musst nicht alles können, um wertvoll zu sein. Du darfst aufhören, dich nur an dem zu messen, was dir schwerfällt. Und du darfst wieder sehen, was längst durch dich in die Welt kommt.

Denn nur Sonne allein lässt nichts wachsen. Und nur Regen allein auch nicht.

Es braucht beides.

Stay wonderful!
Deine Anne