Kompensation: Hauptsache, nichts fühlen!
Essen, Alkohol, Shopping oder endloses Scrollen: Warum wir unangenehme Gefühle wegdrücken, wie Kompensation entsteht und was alte Muster damit zu tun haben.


Bloß weg mit den Scheißgefühlen! Oder: Warum wir kompensieren
Kennst du diese Momente, in denen eigentlich alles in Ordnung ist? Du hattest einen produktiven Tag, hast deine Aufgaben erledigt, vielleicht noch Sport gemacht und könntest jetzt einfach mal zufrieden auf dem Sofa sitzen.
Könntest du. Wenn da nicht plötzlich diese merkwürdige innere Unruhe wäre.
Also wird das Handy gezückt, Instagram geöffnet, der Kühlschrank inspiziert oder vorsichtshalber noch einmal bei Zalando geschaut. Irgendetwas wird sich schon finden, womit man sich den Abend versüßen kann.
Dabei ist überhaupt nichts Schlimmes passiert. Du hast einen guten Tag gehabt und trotzdem scheint irgendetwas zu fehlen.
Und weil wir Menschen ausgesprochen erfinderisch sind, wenn es darum geht, unangenehme Gefühle möglichst schnell loszuwerden, haben wir uns über die Jahre ein ziemlich beeindruckendes Repertoire an Ablenkungsmöglichkeiten angeeignet.
Der ganz normale Ablenkungszirkus
Kompensation bedeutet vereinfacht, dass wir versuchen, einen empfundenen Mangel oder einen unangenehmen inneren Zustand durch etwas anderes auszugleichen.
Das kann Langeweile sein, Einsamkeit, Frust, Unsicherheit, das Gefühl, nicht gut genug zu sein oder schlicht die Unzufriedenheit mit der eigenen Lebenssituation.
Und dafür gibt es reichlich Möglichkeiten. Alkohol, Rauchen, Shopping, Social Media, Gaming, Sex, exzessiven Sport oder Arbeit bis zum Umfallen. Manche suchen ständig den nächsten Kick, andere machen sich so beschäftigt, dass sie für ihre eigenen Gedanken überhaupt keine Zeit mehr haben.
Besonders effektiv kann auch Essen sein. Da wird aus ein bisschen Appetit plötzlich eine ausgewachsene Fressattacke. Erst die Schokolade, dann die Chips und anschließend noch irgendetwas, das der Kühlschrank hergibt. Irgendwann setzt die berühmte Fressnarkose ein. Man liegt vollgefuttert auf dem Sofa, nickt langsam weg und hat für andere Probleme gerade weder Platz noch Kapazitäten. Mission erfüllt. Zumindest vorübergehend.
Dabei geht es gar nicht darum, diese Dinge grundsätzlich schlechtzureden. Ein gutes Essen, ein aufregender Flirt, Sport oder ein Shoppingbummel können schließlich richtig Spaß machen. Interessant wird es, wenn wir merken, dass wir bestimmte Verhaltensweisen regelrecht brauchen, damit dieses unangenehme Gefühl endlich die Klappe hält.
Der Dopamin-Kick und das Prinzip Hoffnung
Unser Gehirn ist ziemlich clever. Es merkt sich, welche Handlungen sich lohnen und welche uns kurzfristig Erleichterung verschaffen. Dabei spielt Dopamin eine wichtige Rolle. Dieser Botenstoff ist unter anderem an Motivation, Belohnungserwartung und Lernprozessen beteiligt. Wenn wir vom Dopamin-Kick sprechen, meinen wir häufig genau diesen reizvollen Moment, in dem eine mögliche Belohnung lockt. Das lässt sich hervorragend an den guten alten Daddelautomaten in der Eckkneipe beobachten. Da sitzt jemand vor dem Spielautomaten, drückt immer wieder auf die Taste und weiß eigentlich ganz genau, dass er auf Dauer häufiger verliert als gewinnt. Trotzdem geht es weiter, denn beim nächsten Versuch könnte ja endlich der große Gewinn kommen.
Und irgendwann klingelt tatsächlich die Kasse!
Genau solche unvorhersehbaren Belohnungen können dafür sorgen, dass wir ein Verhalten besonders hartnäckig wiederholen. Unser Gehirn lernt schließlich nicht nur aus dem Gewinn, sondern auch aus der Erwartung, dass es beim nächsten Mal wieder klappen könnte.
Bei vielen unserer alltäglichen Gewohnheiten funktioniert das nach einem ähnlichen Prinzip. Wir haben irgendwann erlebt, dass uns ein bestimmtes Verhalten Erleichterung verschafft, und greifen in vergleichbaren Situationen wieder darauf zurück.
Blöd nur, wenn das ursprüngliche Problem davon völlig unbeeindruckt bleibt.
Alte Prägungen, neue Verpackung
Viele unserer Schutzstrategien haben ihre Wurzeln bereits in der Kindheit. Wir wachsen mit bestimmten Werten, Erwartungen und Vorstellungen darüber auf, wie man sich zu verhalten hat, um anerkannt zu werden, dazuzugehören oder Konflikte zu vermeiden.
Daraus können Glaubenssätze entstehen wie „Ich bin nicht gut genug“, „Ich darf niemanden enttäuschen“ oder „Ich muss etwas leisten, um wertvoll zu sein“.
Was uns früher geholfen hat, einigermaßen sicher durchs Leben zu kommen, kann uns als Erwachsene irgendwann ziemlich im Weg stehen. Wir passen uns an, vermeiden Konflikte, suchen Anerkennung und versuchen, die dabei entstehenden unangenehmen Gefühle irgendwie auszugleichen.
Natürlich entsteht nicht jedes Muster in der Kindheit. Auch spätere Erfahrungen prägen uns. Entscheidend ist, dass manche dieser alten Überzeugungen irgendwann so selbstverständlich werden, dass wir sie kaum noch hinterfragen.
Und dann wundern wir uns, warum wir uns ständig selbst im Weg stehen.
Vielleicht ist gar nicht die Ablenkung das eigentliche Problem
Hier wird es interessant und möglicherweise auch ein bisschen unbequem. Denn manchmal wissen wir längst, was in unserem Leben nicht mehr passt. Wir haben nur verdammt wenig Lust auf die Konsequenzen. Vielleicht ist die Beziehung schon lange nicht mehr erfüllend, aber ein ehrliches Gespräch könnte alles verändern. Vielleicht macht uns der Job seit Jahren unzufrieden, aber eine Kündigung würde bedeuten, vertraute Sicherheiten aufzugeben. Vielleicht müssten wir endlich Grenzen gegenüber der Familie setzen, eine Freundschaft hinterfragen oder den Mut aufbringen, unser Leben grundsätzlich anders zu gestalten.
Das würde möglicherweise bedeuten, Menschen zu enttäuschen, für die eigenen Bedürfnisse einzustehen oder eine Entscheidung zu treffen, deren Ausgang wir noch nicht kennen. Und davor kann man eine ziemliche Scheißangst haben.
Unsere Komfortzone muss schließlich gar nicht besonders komfortabel sein. Sie hat nur einen entscheidenden Vorteil: Wir kennen uns dort aus. Also bleiben wir lieber bei dem, was wir kennen, und suchen uns für die daraus entstehende Unzufriedenheit einen Ausgleich.
Das kann jahrelang funktionieren. Zumindest so lange, bis die Ablenkungsmanöver immer aufwendiger werden und das eigentliche Problem trotzdem nicht verschwindet. Manchmal sind wir nämlich gar nicht so ahnungslos, wie wir glauben. Wir haben längst verstanden, was uns stört, und beschäftigen uns trotzdem lieber mit allem anderen.
Was wäre, wenn wir einfach mal hinschauen?
Sobald wir unsere eigenen Kompensationsstrategien erkennen, müssen wir daraus nicht gleich das nächste Selbstoptimierungsprojekt machen.
Es geht zunächst darum, zu bemerken, wann wir etwas aus echtem Genuss tun und wann wir versuchen, ein unangenehmes Gefühl möglichst schnell wegzudrücken.
Vielleicht hilft es, in solchen Momenten kurz innezuhalten und sich zu fragen: Was ist eigentlich gerade los? Welches Gefühl möchte ich nicht haben und was bräuchte ich tatsächlich, damit es mir langfristig besser geht?
Gerade beim Journaling können solche Fragen ziemlich aufschlussreich sein. Wenn wir unsere Gedanken und Gefühle aufschreiben, fallen uns mit etwas Abstand manchmal Zusammenhänge auf, die wir im Alltag hervorragend übersehen.
Und vielleicht erkennen wir dabei auch, dass wir längst wissen, welche Veränderung ansteht, uns bisher aber nicht getraut haben, sie anzugehen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass wir ab sofort bei jeder inneren Unruhe unser gesamtes Leben umkrempeln müssen. Manchmal haben wir einfach einen beschissenen Tag, sind müde, gelangweilt oder brauchen ein bisschen Ablenkung.
Auch das ist vollkommen okay.
Wir müssen weder sämtliche unangenehmen Gefühle beseitigen noch uns jede Freude verbieten. Schließlich soll das Leben auch noch Spaß machen.
Aber vielleicht lohnt es sich, etwas genauer hinzuschauen, wenn wir immer wieder auf dieselben Strategien zurückgreifen und trotzdem nicht zufriedener werden.
Denn die nächste Ablenkung ist schnell gefunden.
Die eigentliche Frage ist, was wir damit schon wieder erfolgreich vor uns herschieben.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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