Es gibt nichts Gutes, außer man tut es


Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.

Oder: Warum ein Bus, eine Kosmetikerin und ein Engel aus St. Peter mir heute eine Lektion erteilt haben.

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“ Eigentlich von Kästner, mich erinnert der Spruch an Alf. Wie dem auch sei.

Hier in der Reha merke ich: Der Mann wusste, wovon er spricht. Nicht als hübscher Spruch auf einer Postkarte, sondern ganz praktisch. Im Alltag. Im eigenen Verhalten. In der Frage: Mach ich mit? Oder warte ich darauf, dass das Leben mich an die Hand nimmt?

Ich beobachte hier gerade, wie unterschiedlich Menschen ‚Reha leben‘‘.

Es gibt die Beschwingten – offen, fröhlich, dankbar, die das Beste aus jeder Anwendung, jedem Gespräch und jedem Moment ziehen – mit einer Konsequenz, die fast ein bisschen beeindruckt.

Dann gibt’s die Realistischen – mal oben, mal unten, aber grundsätzlich in Bewegung.

Und dann gibt’s die Fraktion: „Das bringt mir hier gar nichts.“

Und ganz ehrlich: Das triggert mich.

Nicht, weil ich nicht verstehe, dass Reha anstrengend ist. Ich schlafe hier teilweise zwei bis vier Stunden. Ich kenne dieses innere Wackeln, die emotionale Erschöpfung, das Gefühl, an den Rand der eigenen Kräfte zu kommen. Ich weiß, wie es ist, wenn alles hochkommt, was man sonst wegisst, wegscrollt, wegshoppt oder sonst irgendwie wegkompensiert.

Aber genau darum geht’s ja.

Reha ist kein Wellnessurlaub, bei dem dir die Veränderung abends liebevoll aufs Kopfkissen gelegt wird.

Natürlich darf es schön sein. Natürlich darf man genießen. Aber im Kern geht es darum, sich selbst zu begegnen. Ehrlich. Unbequem. Manchmal tränenreich. Manchmal genervt. Manchmal komplett überfordert.

Und trotzdem bleibt die Frage: Was mache ich daraus?

Ich sehe hier einen riesigen Unterschied zwischen Selbstmitleid und Mitgefühl mit sich selbst.

Selbstmitleid hält mich im gemütlichen Elend fest. Da kann ich sitzen, jammern, meckern und innerlich sagen: Die Klinik ist schuld. Die Gruppe ist schuld. Das Essen ist schuld. Die Welt ist schuld.

Mitgefühl sagt:

Ja, es ist schwer.

Ja, ich bin müde.

Ja, ich darf weinen.

Aber ich bleibe nicht liegen.

Ich nehme mich ernst. Ich spreche an, was mich belastet. Ich setze Grenzen. Ich fordere ein, was ich brauche. Freundlich. Klar. Erwachsen.

Das ist Selbstwirksamkeit.

Nicht warten, bis alles perfekt ist.

Sondern schauen: Was liegt in meiner Hand?

Wenn mich eine Gruppe überfordert – ansprechen.

Wenn ich Ruhe brauche – sagen.

Wenn mir etwas nicht guttut – Lösung suchen.

Wenn ich innerlich dichtmache – hinschauen.

Wenn ich zu Hause wieder in alte Muster rutsche – fragen:

Was kann ich verändern?

Und was muss ich loslassen?

In einer Gesprächsgruppe kam genau dieses Thema:

Man kommt verändert nach Hause – aber das Umfeld ist noch gleich.

Ja. Genau.

Und dann beginnt der eigentliche Teil.

Veränderung heißt nicht, dass plötzlich alle anderen anders werden.

Veränderung heißt, dass ich anders mit dem umgehe, was ist.

Unbequem? Ja.

Herausfordernd? Oh ja.

Aber auch: befreiend.

Und ich sage das nicht von oben herab. Ich bin mittendrin. Ich habe meine Tiefs. Ich habe Momente, in denen ich denke: „Boah, ich kann nicht mehr.“

Aber ich merke: Es verändert sich etwas, wenn ich nicht weglaufe.

Und jetzt kommt ein Satz, auf den ich wirklich stolz bin:

Ich hatte seit Beginn der Reha keinen einzigen Essanfall.

Keinen!

Ich esse meine drei Mahlzeiten. Ich bewege mich. Ich fühle. Ich lasse Traurigkeit zu. Überforderung. Tränen.

Und ja, es ist anstrengend.

Aber es ist auch erleichternd.

Ich falle nicht mehr so tief, weil ich nicht mehr gegen mich kämpfe.

Ich bin nicht disziplinierter geworden.

Ich bin mehr bei mir.

Und zur Feier der ersten Woche habe ich mich heute belohnt. Nicht mit Essen. Nicht mit Konsum aus Leere. Sondern mit etwas, das mir wirklich gutgetan hat: ein Kosmetiktermin.

Ich habe spontan angerufen – und direkt einen Termin bekommen. Obwohl sie normalerweise Vorlauf hat. Aber genau für diesen Morgen gab es eine Absage. Genau in meinem freien Zeitfenster.

Also bin ich los. Zu Fuß. Und schon der Weg war schön.

Die Kosmetikerin – Katja Ginter – ist Reiki-Meisterin. Und sie lässt Reiki ganz sanft in ihre Behandlungen einfließen. Es war warm, ruhig, stimmig. Und wir hatten ein richtig gutes Gespräch.

Und dann wurde es noch besser.

Ich war vor einer Woche in St. Peter in einem kleinen Laden namens „Waltrauds Wundertüte“. Ein Laden, der von außen Souvenirshop schreit, aber innen ein kleiner Schatz ist: Engel, Edelsteine, Klangschalen, Räucherwerk, Bücher.

Und was steht heute bei Katja?

Genau diese Engel.

Wir haben festgestellt: Sie sind tatsächlich aus genau diesem Laden.

Und ich dachte: Natürlich. So schließt sich der Kreis.

Auf dem Rückweg wollte ich laufen – 35 Minuten.

Sportprogramm begann aber in 30.

Ungut.

Dann kam ich an einer Bushaltestelle vorbei. Ich stand da wie ein blindes Huhn vor dem Fahrplan, bis eine freundliche Frau mir erklärte, wie das hier funktioniert.

Und dann kam der Bus – drei Minuten später.

Ich war pünktlich zurück. Sogar mit Zeit zum Durchatmen.

Und ich liebe solche Tage.

Wenn alles ineinandergreift.

Wenn eine Absage zum Geschenk wird.

Wenn ein Spaziergang zur Freude wird.

Wenn Engel wieder auftauchen.

Wenn der Bus genau dann kommt, wenn man ihn braucht.

Für mich sind das keine Zufälle.

Das sind Momente, die man wieder wahrnimmt, wenn man nicht im Widerstand hängt.

Wenn man offen bleibt.

Wenn man handelt.

Wenn man nicht nur jammert, sondern sich bewegt – innerlich und äußerlich.

Das ist Selbstwirksamkeit.

Nicht alles kontrollieren.

Nicht alles schönreden.

Nicht so tun, als wäre alles leicht.

Sondern sagen:

Ich bin beteiligt.

Ich bin nicht machtlos.

Ich kann etwas tun.

Manchmal beginnt dieses „Gute“ nicht mit einem großen Lebensplan.

Sondern mit der Wahrnehmung vieler kleiner schöner Dinge im Hier und Jetzt.

Stay wonderful!

Deine Anne