Zwischen Heißhunger, Gefühlen und spontanen Impulsen
Warum greifen wir zu Schokolade, Chips oder Kuchen, obwohl wir keinen Hunger haben? Über emotionales und impulsives Essen und den Unterschied zwischen Warum und Wie.


Emotionales Essen versus impulsives Essen
Du öffnest den Kühlschrank. Ein kurzer Blick hinein. Nichts, worauf du besonders Lust hast. Tür zu.
Zehn Minuten später stehst du wieder davor. Hat sich zwischenzeitlich jemand hineingeschlichen und das Sortiment ausgetauscht? Nein. Der Joghurt steht noch genau da, wo er vorhin stand.
Also weiter zur Süßigkeitenschublade. Während du überlegst, worauf du Appetit hast, verschwinden drei Pralinen. Die vierte begleitet dich zurück zum Kühlschrank. Wenig später stehst du mit einem Stück Käse in der Hand in der Küche und fragst dich, was du ursprünglich vorhattest.
Essen, offensichtlich. Nur weshalb?
Für solche Momente gibt es inzwischen eine Erklärung, die schneller zur Hand ist als jede Praline: emotionales Essen. Klingt einleuchtend, trifft aber längst nicht immer zu. Schließlich macht es einen Unterschied, ob wir mit Essen unsere Stimmung beeinflussen oder einem plötzlichen Verlangen folgen, bevor der Kopf überhaupt gefragt wurde.
Das eine erzählt etwas über das Warum. Das andere über das Wie.
Der Tag war einfach nur beschissen
Die Bahn war überfüllt, die Kollegen haben genervt, irgendein Idiot hat dir eine Aufgabe auf den Tisch gelegt, die längst erledigt sein musste, und zu Hause wartet ein Haushalt, der sich den ganzen Tag selbstständig vermehrt hat.
Du bist total abgenervt. Entscheidungen treffen, Probleme lösen oder irgendjemandem erklären, weshalb du gerade schlechte Laune hast? Für heute reicht’s. Jetzt willst du etwas Leckeres.
Im Kühlschrank steht noch Kuchen. Erst ein Stück. Dann noch eins. Das dritte verschwindet, während du innerlich sämtliche Menschen durchgehst, die dir heute auf die Nerven gegangen sind. Immerhin fühlt sich der Abend inzwischen deutlich freundlicher an.
Das ist emotionales Essen. Unsere Gefühle beeinflussen, worauf wir Appetit haben, wann wir zugreifen und wie viel wir essen. Frust, Stress oder Traurigkeit lassen sich mit etwas Süßem für eine Weile abfedern. Essen kann trösten, beruhigen und ablenken.
Dabei spielen nicht nur unangenehme Gefühle eine Rolle. Wir feiern Geburtstage mit Torte, lassen Abende mit Freunden bei einem guten Essen ausklingen und genießen im Urlaub Dinge, die zu Hause selten auf dem Teller landen. Essen gehört zu unserem Gefühlsleben, und das ist weder neu noch verwerflich.
Schwierig wird es, wenn wir unangenehmen Gefühlen regelmäßig nur noch mit etwas Essbarem begegnen. Denn so lecker der Kuchen auch war: Die Wäsche liegt immer noch herum. Immerhin hat sie jetzt Gesellschaft von einem leeren Teller.
Die Küchenschränke rufen. Leider.
Für ein plötzliches Verlangen nach Schokolade braucht es keinen völlig verkorksten Tag. Manchmal genügt eine Aufgabe, die seit Wochen auf der inneren Liste steht und dort ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht erworben hat.
Du hast dir vorgenommen, endlich die Küchenschränke auszuräumen und sauber zu machen. Eine dieser Tätigkeiten, bei denen bereits der Gedanke daran ungefähr so viel Begeisterung auslöst wie eine freiwillige Wurzelbehandlung.
Du weißt genau, was dich erwartet: Tassen und Teller ausräumen, sämtliche Schränke auswischen, Vorratsdosen sortieren und herausfinden, weshalb sich über die Jahre 37 Deckel angesammelt haben, die zu keiner einzigen Dose passen. Ganz hinten wartet vermutlich noch eine Gewürzmischung aus der Zeit, in der man CDs gebrannt hat.
Also stehst du in der Küche, schaust auf die Schranktüren und hast überhaupt keinen Antrieb, anzufangen. Dabei kennst du das Spiel längst. Sobald die ersten Fächer leer sind, kommst du in Schwung. Irgendwann läuft Musik, du sortierst munter vor dich hin und freust dich darüber, wie ordentlich hinterher alles aussieht.
Die eigentliche Hürde ist der Anfang. Und ausgerechnet jetzt fällt dein Blick auf die Süßigkeitenschublade.
Schokolade essen klingt plötzlich nach einer ausgesprochen vernünftigen Alternative zum Schrankputzen. Dafür brauchst du weder Motivation noch Putzlappen. Nicht einmal die Frage, wo du anfangen sollst, stellt sich.
Auf der einen Seite wartet eine lästige Aufgabe, deren Belohnung irgendwo in der Zukunft liegt. Auf der anderen etwas, das sofort Freude macht. Da geraten gute Vorsätze schon einmal ins Hintertreffen.
Das kennen wir vom Kleiderschrankausräumen, vom Kellerentrümpeln oder von der Steuererklärung. Wir wissen, dass die Dinge erledigt werden müssen und wir uns hinterher besser fühlen. Trotzdem erscheint die angenehmere Beschäftigung plötzlich viel reizvoller.
Die Schokolade räumt zwar keinen einzigen Küchenschrank aus. Dafür verlangt sie auch nicht, dass wir damit anfangen.
Du kannst dir nun bewusst eine Pause gönnen, einen Kaffee kochen und dazu ein paar Stücke genießen. Oder du greifst schon zur Tafel, während du noch überlegst, womit du anfängst.
In beiden Fällen bleibt die ungeliebte Aufgabe dieselbe. Was sich unterscheidet, ist der Weg zur Schokolade.
Die Zimtschnecke hatte andere Pläne
Noch deutlicher wird das bei einem kleinen Umweg, den du gar nicht geplant hattest.
Du gehst an einer Bäckerei vorbei. Es riecht nach frischen Zimtschnecken, die Auslage sieht verdammt appetitlich aus, und wenige Sekunden später stehst du mit einer Papiertüte auf dem Gehweg.
Du wolltest Briefmarken kaufen.
Die Zimtschnecke hat deinen ursprünglichen Plan offenbar nicht besonders ernst genommen.
Ein Reiz taucht auf, ein Verlangen entsteht, und schon hast du bezahlt. Für eine ausführliche Abwägung blieb keine Zeit. Die warme Tüte liegt längst in deiner Hand.
Das ist impulsives Essen. Zwischen dem Wunsch und der Handlung liegen nur wenige Augenblicke. Die Zimtschnecke sieht gut aus, riecht fantastisch und ist plötzlich deine.
Solche Entscheidungen kennen wir auch aus anderen Lebensbereichen. Man denke nur an manche Onlinebestellung nach 22 Uhr, die am nächsten Morgen erheblich weniger überzeugend erscheint.
Beim Essen begegnen uns entsprechende Gelegenheiten auf Schritt und Tritt. Die Schokolade liegt im Schrank, die Chips stehen auf dem Tisch, und vor der Supermarktkasse wartet die Süßwarenabteilung. Überall kleine Einladungen. Und manchmal nehmen wir sie an, bevor wir überhaupt bemerkt haben, dass wir eingeladen wurden.
Natürlich schließen sich Gefühle und spontane Impulse nicht aus. Nach einem frustrierenden Tag kann der Griff zur Schokolade beides sein: der Wunsch nach Trost und eine Entscheidung, die so schnell fällt, dass der Kopf kaum hinterherkommt.
Bei der Zimtschnecke braucht es dagegen keinen schlechten Tag. Ihr Duft erledigt die Überzeugungsarbeit ganz allein.
Die innere Bremse kommt nicht hinterher
Spontane Entscheidungen gehören zum Leben. Zum Glück. Wer für jede Kugel Eis erst das innere Entscheidungskomitee einberuft, steht im Sommer lange an der Eisdiele.
Manchmal handeln wir allerdings schneller, als uns lieb ist.
Du sitzt auf dem Sofa und schaust eine Serie. Neben dir liegt eine Tüte Chips. Während auf dem Bildschirm die Handlung ihren Lauf nimmt, wandert deine Hand immer wieder zur Packung. Irgendwann ist sie leer.
Dabei war der Gedanke „Jetzt reicht’s“ zwischendurch da. Er hat nur nicht genügend Stimmen bekommen.
Einen Impuls wahrzunehmen und ihn zu unterbrechen, sind zwei verschiedene Dinge. Hier kommen unter anderem die exekutiven Funktionen ins Spiel. Sie sind an der Steuerung unseres Verhaltens beteiligt und ermöglichen es, spontane Reaktionen zu hemmen und längerfristige Vorhaben im Blick zu behalten.
Müdigkeit, Stress und Gewohnheiten können diese Selbststeuerung erschweren.
Bei ADHS kann die Impulskontrolle zusätzlich herausfordernd sein. Wie unterschiedlich sich ADHS im Alltag zeigt, beschreibe ich in meinem Artikel „Du bist nicht deine Diagnose. Auch wenn du eine hast.“ Spontanes Zugreifen kennen allerdings auch Menschen ohne ADHS.
Und eine leere Chipstüte allein sagt wenig aus. Wer sich bewusst einen gemütlichen Abend mit seiner Lieblingsserie und etwas zum Knabbern macht, erlebt etwas anderes als jemand, der hinterher überrascht feststellt, dass die Hand eine andere Tagesplanung hatte als der Kopf.
Vom Impuls zum Kontrollverlust
Rund ums Essen werden Begriffe gerne durcheinandergeworfen. Drei Stück Kuchen nach einem miesen Tag, eine leer gegessene Chipstüte oder ein Abend, an dem jemand das Gefühl hat, überhaupt nicht mehr aufhören zu können: Von außen lässt sich kaum erkennen, was dahintersteckt.
Impulsives Essen ist nicht automatisch ein Essanfall. Bei einem Essanfall erleben Betroffene einen Kontrollverlust. Sie haben das Gefühl, nicht ausreichend steuern zu können, wie viel sie essen oder wann sie aufhören.
Bei einer Binge-Eating-Störung treten solche Essanfälle wiederholt auf. Dabei werden innerhalb eines begrenzten Zeitraums ungewöhnlich große Nahrungsmengen gegessen. Für die Diagnose müssen weitere Kriterien erfüllt sein, darunter deutlicher Leidensdruck.
Drei Stück Kuchen oder eine Tüte Chips reichen für eine solche Einordnung nicht aus. Ebenso wenig lässt sich aus der bloßen Menge ablesen, wie jemand die Situation erlebt hat.
Emotionales Essen, impulsives Essen und Binge-Eating sind keine drei Stufen derselben Treppe. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte unseres Essverhaltens. Wer regelmäßig Kontrollverlust erlebt oder erheblich darunter leidet, verdient fachliche Unterstützung statt vorschneller Urteile.
Warum gute Vorsätze oft danebengreifen
Trotzdem begegnen wir unerwünschten Essgewohnheiten gerne mit demselben Rezept: weniger essen, mehr Disziplin, endlich konsequent sein. Ein ausgesprochen beliebtes Programm, dessen Erfolgsbilanz deutlich bescheidener ausfällt als seine Ankündigung.
Nur interessiert sich eine ungeliebte Aufgabe herzlich wenig für unsere guten Vorsätze.
Wenn du schon beim Gedanken ans Kellerentrümpeln zur Schokolade greifst, verschwindet deine Abneigung gegen die Arbeit nicht, nur weil die Tafel weg ist. Dann landest du am Handy, schaust zum fünften Mal auf die Uhr oder beschließt, dass du dringend einen Kaffee brauchst.
Der Keller bleibt derselbe. Nur das Ablenkungsprogramm wechselt.
Beim impulsiven Essen sieht die Sache anders aus. Eine offene Chipstüte neben dem Sofa ist eine Dauereinladung. Steht sie im Schrank, muss der spontane Wunsch erst den Weg dorthin überstehen. Bis dahin hat der Kopf wenigstens Gelegenheit, sich einzumischen.
Und wer nach einem beschissenen Tag regelmäßig Trost beim Essen sucht, braucht keinen weiteren Vortrag über Willenskraft. Ärger verschwindet nicht dadurch, dass man sich die Schokolade verbietet.
Wir machen es uns mit dem Wort „Disziplin“ ganz schön einfach.
Genuss ist schließlich kein Fehlverhalten, das wir uns erst verdienen müssen.
Was vor dem ersten Bissen passiert
Meistens schauen wir auf das Ergebnis: Wie viel war es? War es zu viel? Warum schon wieder? Die aufschlussreichere Geschichte beginnt jedoch früher, lange bevor der Teller leer oder die Packung verschwunden ist.
Wenn du also erneut vor dem Kühlschrank stehst, obwohl du gerade erst hineingeschaut hast, lohnt sich ein kurzer Gedanke: Hast du Hunger, brauchst du eine Pause, suchst du Trost oder war die Praline einfach schneller als dein Kopf?
Nicht jede Süßigkeitenschublade braucht eine tiefenpsychologische Aufarbeitung. Manchmal genügt es, sich selbst ein wenig auf die Schliche zu kommen.
Und wenn du am Ende trotzdem mit einem Stück Käse in der Hand dastehst? Dann ist das eben so. Du musst nicht jeden Griff in den Kühlschrank rechtfertigen. Und schon gar nicht dich selbst dafür verurteilen.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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