Wenn dein inneres Ja nicht mehr passt - Beziehungen neu betrachten
Alte Beziehungsmuster, On-Off-Beziehungen und Dating: Wie du erkennst, was noch zu dir passt und warum sich persönliche Entwicklung im Verhalten zeigt.


Wenn dein inneres Ja nicht mehr zu deinem äußeren Ja passt
Es gibt Phasen, in denen uns das Leben ziemlich deutlich vor Augen führt, welche Beziehungen noch zu uns passen und wo wir uns vielleicht schon viel zu lange selbst übergehen. Menschen aus der Vergangenheit tauchen wieder auf, alte Gefühle melden sich zurück und Dinge, die wir früher ganz selbstverständlich akzeptiert haben, fühlen sich plötzlich überhaupt nicht mehr stimmig an.
Da kann schon mal einiges in Bewegung kommen. Besonders spannend ist, dass wir persönliche Entwicklung häufig erst dann wirklich erkennen, wenn uns eine alte Situation erneut begegnet und wir feststellen, dass wir heute völlig anders damit umgehen.
Wenn die Vergangenheit wieder anklopft
Vielleicht kennst du das aus einer früheren On-Off-Beziehung. Ihr habt euch immer wieder getrennt und seid anschließend doch wieder zusammengekommen, weil die Sehnsucht irgendwann stärker war als die Erinnerung daran, warum es beim letzten Mal eigentlich nicht funktioniert hat.
Und plötzlich taucht dieser Mensch wieder auf. Vielleicht schreibt er eine WhatsApp-Nachricht, du siehst etwas in seinem Status oder findest beim Aufräumen einen Gegenstand, der dich sofort an eure gemeinsame Zeit erinnert.
Zack, alles wieder präsent. Die schönen Erinnerungen, der Schmerz und diese verdammte Sehnsucht, die sich leider herzlich wenig dafür interessiert, was du inzwischen alles verstanden hast.
Früher hättest du vielleicht sofort reagiert, zurückgeschrieben oder dich auf ein weiteres Treffen eingelassen. Heute stellst du möglicherweise fest, dass du schon seit Monaten nicht mehr in diese alte Dynamik zurückgegangen bist, obwohl die Gefühle durchaus noch vorhanden sind.
Und wie geil ist das denn bitte?
Da hat sich offensichtlich etwas verändert! Vielleicht hast du inzwischen erkannt, welche deiner Bedürfnisse damals dauerhaft zu kurz gekommen sind, wie viel Kraft dich diese Verbindung gekostet hat und warum du dich heute bewusst gegen eine Fortsetzung entscheidest.
Du kannst diesen Menschen immer noch lieben, ihn vermissen und wunderschöne Erinnerungen haben. Gleichzeitig weißt du inzwischen, dass du diese Beziehung in ihrer bisherigen Form nicht mehr führen möchtest.
Genau daran lässt sich persönliche Entwicklung wunderbar erkennen. Die Gefühle sind vielleicht noch dieselben, aber dein Verhalten hat sich verändert. Du hast Erfahrungen gemacht, dich selbst besser kennengelernt und triffst heute Entscheidungen, die viel stärker mit deinen eigenen Werten übereinstimmen.
Das darfst du ruhig mal feiern!
Wenn das Korsett einer Beziehung zu eng wird
In bestehenden Partnerschaften kann sich diese Entwicklung ganz anders bemerkbar machen. Vielleicht bist du seit vielen Jahren mit einem Menschen zusammen und hast dich im Laufe der Zeit immer stärker angepasst. Du schluckst bestimmte Dinge runter, vermeidest unangenehme Gespräche und stellst deine eigenen Wünsche hinten an, weil du einfach keinen Streit möchtest.
Natürlich gehören Kompromisse zu einer Beziehung dazu. Wenn aber dauerhaft einer von beiden zurücksteckt, während die eigenen Bedürfnisse immer weniger Platz bekommen, hat das irgendwann nicht mehr besonders viel mit einer ausgeglichenen Partnerschaft zu tun.
Vielleicht merkst du inzwischen, dass du schneller gereizt bist und dich Kleinigkeiten plötzlich auf die Palme bringen. Du hast das Gefühl, ständig Rücksicht nehmen zu müssen, und fragst dich immer häufiger, wann eigentlich zuletzt jemand auf deine Bedürfnisse Rücksicht genommen hat.
Dieses Korsett wird einfach zu eng.
Dabei muss dein Partner gar kein anderer Mensch geworden sein. Vielleicht hat sich vor allem deine eigene Wahrnehmung verändert. Du kennst deine Werte inzwischen besser, weißt genauer, was du brauchst, und stellst fest, wie oft du in der Vergangenheit über dich selbst hinweggegangen bist.
Es kann allerdings auch genau andersherum sein.
Vielleicht funktioniert eure Beziehung hervorragend. Ihr seid ein eingespieltes Team, versteht euch gut und habt euren Alltag wunderbar organisiert. Jeder weiß, wer den Müll runterbringt, wann eingekauft werden muss und was am Wochenende ansteht. Nur bei Leidenschaft, Sexualität und gegenseitigem Begehren ist inzwischen ziemlich wenig los.
Ihr lebt eher wie Geschwister miteinander und irgendwann stellt einer von beiden fest, dass ihm das einfach nicht mehr reicht.
Vielleicht möchtest du aufregenden Sex, mehr Intensität, körperliche Nähe oder bestimmte sexuelle Vorlieben ausleben, über die ihr bisher überhaupt nicht gesprochen habt. Vielleicht entdeckst du auch erst jetzt, was dir wirklich gefällt und welche Bedeutung Sexualität für dich innerhalb einer Partnerschaft hat.
Sexuelle Kompatibilität ist ein wichtiger Bestandteil vieler Beziehungen. Dabei gibt es kein allgemeingültiges Maß dafür, wie oft Menschen Sex haben sollten oder welche Art von Sexualität richtig ist. Entscheidend ist, ob beide mit dem, was sie miteinander leben, zufrieden sind und ihre Wünsche offen miteinander besprechen können.
Eine Beziehung kann liebevoll und vertraut sein und trotzdem nicht mehr den Bedürfnissen entsprechen, die sich im Laufe der Jahre entwickelt haben.
Manchmal reicht ein ehrliches Gespräch, um sich gegenseitig wieder ganz neu kennenzulernen. Manchmal wird dabei aber auch deutlich, dass sich zwei Menschen inzwischen in unterschiedliche Richtungen entwickelt haben.
Beim Dating zeigt sich ziemlich schnell, wie gut wir bei uns bleiben können
Gerade beim Online-Dating werden unsere eigenen Erwartungen und Beziehungsmuster häufig ziemlich schnell sichtbar.
Stell dir vor, du lernst jemanden kennen. Ihr schreibt viel miteinander, habt einen tollen Austausch, versteht euch gut und vielleicht entsteht sogar schon dieses angenehme Kribbeln, obwohl ihr euch noch gar nicht persönlich begegnet seid.
Und plötzlich kommt keine Antwort mehr.
Während der andere Mensch möglicherweise einfach arbeitet, mit Freunden unterwegs ist oder sein Handy irgendwo liegen hat, beginnt im eigenen Kopf schon die große Ursachenforschung. War die letzte Nachricht vielleicht komisch? Habe ich zu viel geschrieben? War ich zu offen? Hat er das Interesse verloren?
Also wird der Chat noch einmal durchgelesen. Vielleicht auch zweimal. Man könnte ja irgendwo zwischen den Zeilen noch einen entscheidenden Hinweis übersehen haben.
Dabei gibt es zu diesem Zeitpunkt meistens noch überhaupt keine Information darüber, warum die Antwort ausbleibt.
Vielleicht ist es dir wichtig, dass jemand kurz Bescheid sagt, wenn er unterwegs ist und sich erst am nächsten Tag wieder meldet. Ein einfaches „Ich bin heute verabredet, hab einen schönen Abend, wir hören morgen“ reicht dir möglicherweise vollkommen aus.
Das ist ein legitimes Bedürfnis. Genauso gibt es Menschen, für die es völlig selbstverständlich ist, erst einige Stunden später wieder auf ihr Handy zu schauen.
Die eigentliche Frage ist doch, ob diese unterschiedlichen Arten der Kommunikation miteinander harmonieren und wie du dich damit fühlst.
Du kannst offen sagen, was dir wichtig ist, und gleichzeitig beobachten, wie sich der Kontakt entwickelt. Schließlich möchtest du einen Menschen kennenlernen, wie er tatsächlich ist. Wenn du schon während der Kennenlernphase versuchst, jedes Verhalten passend zu machen, wird es ziemlich schwierig herauszufinden, ob ihr überhaupt gut zusammenpasst.
Dazu gehört auch, dem anderen Menschen seinen eigenen Raum zu lassen und weiterhin dein Leben zu genießen, anstatt den gesamten Tagesablauf nach einer möglichen Nachricht auszurichten.
Vielleicht merkst du dabei, dass du mit einer anderen Art der Kommunikation wunderbar zurechtkommst. Vielleicht stellst du aber auch fest, dass du dir mehr Verbindlichkeit wünschst, als dieser Mensch von sich aus lebt.
Genau dafür ist die Kennenlernphase schließlich da.
Wie gut passen dein inneres Ja und dein äußeres Handeln noch zusammen?
All diese Beziehungssituationen haben etwas gemeinsam. Wir können uns über Jahre an bestimmte Verhaltensweisen gewöhnen, unsere eigenen Bedürfnisse zurückstellen und Dinge akzeptieren, weil wir es bisher einfach nicht anders kannten.
Mit zunehmender Selbsterkenntnis verändert sich möglicherweise unsere Bereitschaft, diese Widersprüche weiterhin mitzutragen.
In der Psychologie gibt es dafür den Begriff Kongruenz. Gemeint ist die Übereinstimmung zwischen unserem inneren Erleben, unseren Werten und dem, was wir tatsächlich nach außen zeigen und leben.
Vielleicht sagst du heute viel bewusster Ja zu einer Beziehung, weil du sie wirklich möchtest. Vielleicht stellst du aber auch fest, dass du bisher vor allem Ja gesagt hast, weil du Angst davor hattest, Nein zu sagen.
Du wirst dir klarer darüber, welche Form von Partnerschaft du leben möchtest, wie wichtig dir Verlässlichkeit, Freiheit, Sexualität oder emotionale Nähe sind und welche Kompromisse für dich tatsächlich infrage kommen.
Dabei geht es gar nicht darum, andere Menschen zu verändern. Vielmehr darfst du für dich überprüfen, ob ihr mit euren unterschiedlichen Bedürfnissen einen gemeinsamen Weg findet, auf dem sich beide wohlfühlen.
Und manchmal ist die Erkenntnis noch viel schöner: Du merkst, dass du auf eine Situation, die dich früher völlig aus der Fassung gebracht hätte, heute erstaunlich gelassen reagierst.
Die Gefühle sind vielleicht noch dieselben. Deine Entscheidung ist eine andere.
Wie wunderbar ist es bitte, sich bewusst zu machen, dass man sich so weiterentwickelt hat?
Gerade weil alte Themen manchmal noch wehtun, übersehen wir schnell, wie viel sich inzwischen verändert hat. Wir schauen häufig auf das, was noch nicht funktioniert, was wir noch lernen oder an uns verbessern könnten, und vergessen dabei völlig anzuerkennen, was wir längst geschafft haben.
Um sich solche Entwicklungen bewusster zu machen, kann es sehr hilfreich sein, regelmäßig zu schreiben. Beim Journaling lassen sich Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen festhalten, die im Alltag schnell wieder untergehen. Besonders spannend ist es, ältere Einträge nach einiger Zeit noch einmal zu lesen und festzustellen, welche Dinge uns damals beschäftigt haben und wie wir heute darüber denken.
Vielleicht magst du dir einmal die Frage stellen, wo du in deinen Beziehungen inzwischen anders handelst als noch vor einem Jahr. Welche Bedürfnisse nimmst du heute ernster, welche Verhaltensweisen hast du hinter dir gelassen und wo passt dein äußeres Handeln inzwischen viel besser zu dem, was du innerlich wirklich möchtest?
Es darf sich auch einfach mal gut anfühlen, zu erkennen, wie viel wir inzwischen über uns selbst gelernt haben.
Wie schön ist es, wenn uns das Leben eine alte Situation noch einmal vor die Füße legt und wir feststellen, dass wir heute ganz anders damit umgehen können?
Das dürfen wir ruhig genießen und uns selbst ein bisschen dafür feiern.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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