Warum wir unangenehme Gefühle mit Ablenkung verdrängen
Ob Frust, Langeweile oder Einsamkeit: Warum wir schnelle Belohnungen suchen, wie daraus belastende Gewohnheiten entstehen und was wirklich dahintersteckt.


Warum wir manchmal einfach nur anders fühlen wollen
Manchmal reicht ein einziger Satz, um uns die Laune zu verderben.
Eine blöde Bemerkung vom Kollegen. Eine Nachricht, die anders ausfällt als erhofft. Ein Gespräch mit dem Partner, bei dem am Ende mehr Fragen offenbleiben als vorher.
An anderen Tagen ist überhaupt nichts passiert. Die Arbeit ist erledigt, niemand braucht etwas von uns und wir könnten endlich die Ruhe genießen, die wir uns seit Stunden wünschen.
Könnten wir.
Stattdessen stehen wir vor dem Kühlschrank und betrachten seinen Inhalt, als hätte sich seit unserem letzten Besuch vor zehn Minuten ein kulinarisches Wunder ereignet.
Danach greifen wir zum Handy. Ein bisschen scrollen, Nachrichten checken, schauen, wer gerade online ist. Oder wir überlegen, ob wir uns nicht doch noch etwas Schönes bestellen sollten.
Der Anlass ist jedes Mal ein anderer. Mal sind wir frustriert, gelangweilt, enttäuscht oder innerlich völlig überdreht.
Was wir uns davon versprechen, ist allerdings erstaunlich ähnlich.
Wir möchten uns anders fühlen.
Warum unser Kopf die angenehme Abkürzung liebt
In der Psychologie gibt es dafür einen interessanten Gedanken: das Lust-Unlust-Prinzip.
Vereinfacht gesagt neigen wir dazu, angenehme Empfindungen anzustreben und unangenehmen möglichst auszuweichen. Natürlich ist menschliches Verhalten komplexer, aber dieser Grundgedanke erklärt einiges von dem, was wir im Alltag beobachten können.
Nach einem anstrengenden Arbeitstag wünschen wir uns Entspannung. Fehlt uns Anerkennung, tut ein Kompliment besonders gut. Bei Langeweile darf es aufregender werden, nach einem Streit sehnen wir uns nach Ablenkung.
Unser Gehirn merkt sich, was schon einmal Freude, Erleichterung oder Spannung verschafft hat. Und wenn sich die nächste Gelegenheit bietet, greifen wir gerne darauf zurück.
Das Problem mit dem Kollegen lässt sich gerade nicht lösen? Ein bisschen Online-Shopping wäre doch nett.
Der Abend fühlt sich leer an? Auf einer Dating-App findet sich bestimmt jemand Interessantes.
Der Kopf ist nach einem stressigen Tag noch immer auf hundertachtzig? Erst mal aufs Sofa und durch Instagram scrollen.
Gewissermaßen ein kleines Unterhaltungsprogramm für unsere Gefühlswelt. Jederzeit verfügbar, meistens ohne Anmeldung und gelegentlich mit ziemlich hohen Folgekosten.
Denn nicht alles, was uns kurzfristig besser fühlen lässt, tut uns auf Dauer gut.
Wenn aus Trost plötzlich zusätzlicher Frust wird
Nehmen wir das Essen.
Wir essen, weil wir Hunger haben, weil etwas lecker schmeckt oder weil wir gemeinsam mit anderen eine schöne Zeit verbringen möchten.
Manchmal greifen wir aber auch zu etwas, obwohl unser Körper gerade überhaupt keine Nahrung verlangt.
Nach einem Streit schmeckt die Schokolade besonders tröstlich. Bei Langeweile wird aus einem kleinen Snack schnell eine ausgedehnte Kühlschrankbesichtigung. Und nach einem frustrierenden Tag haben wir uns die Pizza schließlich redlich verdient.
Daran ist nicht automatisch etwas problematisch. Essen darf Genuss sein und gelegentlich auch Trost spenden.
Schwierig kann es werden, wenn wir regelmäßig versuchen, unangenehme Gefühle auf diese Weise zu regulieren.
Denn die Schokolade löst weder den Streit noch die Unzufriedenheit im Beruf. Der Ärger ist anschließend häufig noch da, während wir uns zusätzlich darüber aufregen, schon wieder mehr gegessen zu haben, als wir eigentlich wollten.
Wenn sich dieses Verhalten über längere Zeit wiederholt, kann es auch zu einer Gewichtszunahme beitragen. Und wer ohnehin mit seinem Körperbild hadert, erlebt dadurch unter Umständen noch mehr Frust.
Ausgerechnet der Versuch, sich besser zu fühlen, kann dann neue unangenehme Empfindungen auslösen.
Ein ziemlich ungünstiger Kreislauf.
Ähnliches kann beim Shopping passieren. Der neue Pullover sorgt kurz für Begeisterung, bis die Kreditkartenabrechnung kommt. Stundenlanges Scrollen lenkt von der Überforderung ab, hinterlässt aber das Gefühl, schon wieder den ganzen Abend vertrödelt zu haben.
Auch Alkohol oder andere Substanzen können kurzfristig Erleichterung verschaffen, langfristig jedoch erhebliche Probleme verursachen.
Was zunächst wie eine kleine Flucht aus dem Alltag aussieht, kann die Situation also zusätzlich belasten.
Und genau darin liegt die Tücke: Wenn wir uns dadurch noch schlechter fühlen, wächst möglicherweise erneut der Wunsch nach etwas, das uns schnell auf andere Gedanken bringt.
Interessiert mich der Mensch oder das Gefühl?
Besonders spannend finde ich diesen Mechanismus beim Dating.
Stell dir vor, du hattest einen anstrengenden Tag. Im Job wird deine Leistung als selbstverständlich betrachtet, von einem Menschen, der dir wichtig ist, kommt kaum Resonanz und irgendwie fühlst du dich gerade nicht besonders gesehen.
Dann erscheint eine Nachricht auf deinem Handy.
Jemand macht dir ein Kompliment, fragt nach deinem Tag und scheint sich aufrichtig für dich zu interessieren.
Plötzlich sieht die Welt ein bisschen freundlicher aus.
Du lächelst aufs Display, überlegst dir eine charmante Antwort und freust dich, wenn das Handy wieder aufleuchtet.
Natürlich kann daraus eine wunderbare Begegnung entstehen.
Nur lohnt es sich manchmal, genauer hinzuschauen, was uns gerade eigentlich so begeistert.
Ist es dieser Mensch? Seine Persönlichkeit, sein Humor, seine Art zu denken?
Oder genießen wir vor allem die Aufmerksamkeit, die wir gerade bekommen?
Beides kann gleichzeitig zutreffen. Doch manchmal verwechseln wir die Aufregung über einen neuen Kontakt mit echtem Interesse.
Dann schreiben wir tagelang mit jemandem, bei dem wir längst bemerkt haben, dass es nicht besonders gut passt. Die Gespräche bleiben oberflächlich, wesentliche Gemeinsamkeiten fehlen und trotzdem warten wir gespannt auf die nächste Nachricht.
Schließlich fühlt es sich gut an, begehrt zu werden.
Wenn der Kontakt irgendwann abbricht, fehlt uns möglicherweise weniger der Mensch als das Gefühl, das er in uns ausgelöst hat.
Und statt der erhofften Nähe bleibt womöglich eine weitere Enttäuschung zurück.
Auch hier kann sich ein Kreislauf entwickeln: Wir suchen Bestätigung, erleben einen kurzen Höhenflug und fühlen uns anschließend noch einsamer als zuvor.
Die nächste neue Bekanntschaft verspricht dann wieder genau das, was uns gerade fehlt.
Ablenkung ist nicht das Problem
Nun wäre es ziemlich anstrengend, wenn wir jedes Mal unsere gesamte Gefühlswelt untersuchen müssten, bevor wir einen Film einschalten oder uns ein Stück Kuchen gönnen.
Ablenkung hat durchaus ihre Berechtigung.
Nach einem schwierigen Gespräch kann es helfen, erst einmal Abstand zu gewinnen. Wer bei der Arbeit ständig unter Strom steht, braucht zwischendurch etwas, das nichts mit Leistung und Verantwortung zu tun hat.
Und manchmal möchte man nach einem richtig blöden Tag einfach nur auf dem Sofa liegen und eine Serie schauen, in der andere Menschen noch wesentlich größere Probleme haben.
Auch das kann erholsam sein.
Entscheidend ist, ob wir uns damit eine Pause verschaffen oder dauerhaft vor etwas ausweichen, das unsere Aufmerksamkeit braucht.
Denn während wir uns beschäftigen, löst sich der Konflikt mit dem Partner nicht von allein. Die Überforderung im Beruf bleibt bestehen. Und das Gefühl, nicht gesehen zu werden, verschwindet selten dauerhaft durch ein paar nette Nachrichten.
Wenn wir uns nach der Ablenkung erneut schlecht fühlen, ist die Versuchung groß, gleich die nächste hinterherzuschieben.
So kann aus einer gelegentlichen Erleichterung eine Gewohnheit werden, die uns langfristig mehr belastet als entlastet.
Was fehlt mir gerade wirklich?
Das Interessante ist, dass wir viele dieser Verhaltensweisen kaum bewusst wahrnehmen.
Wir greifen zum Handy, bevor wir uns gefragt haben, weshalb wir es überhaupt in die Hand nehmen. Wir öffnen den Kühlschrank, obwohl wir keinen Hunger haben. Oder wir suchen nach Gesellschaft, obwohl wir nach einem anstrengenden Tag eigentlich Ruhe bräuchten.
Unser Kopf kennt diese Wege. Sie haben schon einmal funktioniert, zumindest für einen kurzen Moment.
Deshalb nehmen wir sie wieder.
Dabei könnte es aufschlussreich sein, gelegentlich genauer hinzusehen.
Nicht mit erhobenem Zeigefinger und einer inneren Kontrollinstanz, die beim Öffnen einer Tüte Chips sofort eine Krisensitzung einberuft.
Es geht vielmehr darum, den Wunsch nach einer bestimmten Beschäftigung von dem Bedürfnis dahinter zu unterscheiden.
Wer sich langweilt, braucht möglicherweise tatsächlich neue Eindrücke. Nach einem Streit kann ein klärendes Gespräch hilfreicher sein als die nächste Ablenkung. Bei Überforderung fehlt uns womöglich keine Unterhaltung, sondern eine Pause. Und wenn wir uns einsam fühlen, wünschen wir uns unter Umständen echte Nähe statt weiterer oberflächlicher Kontakte.
Das lässt sich nicht immer sofort erkennen.
Unsere Gefühle sind schließlich keine ordentlich beschrifteten Schubladen, in denen wir nur nachsehen müssen, was gerade fehlt.
Aber mit der Zeit können wir ein Gespür dafür entwickeln, wann wir etwas wirklich möchten und wann wir hauptsächlich versuchen, einem unangenehmen Zustand zu entkommen.
Nicht jedes Gefühl braucht eine Sofortlösung
Wir leben in einer Welt, in der beinahe alles unmittelbar verfügbar ist.
Essen, Unterhaltung, Einkäufe, Kontakte. Ein paar Klicks genügen, und schon passiert etwas.
Unsere Gefühlswelt hält sich leider nicht immer an dieses praktische Prinzip.
Enttäuschung lässt sich nicht wegklicken. Ein ungelöster Konflikt verschwindet nicht durch einen neuen Flirt. Und Anerkennung, die uns im Alltag fehlt, können wir uns nicht dauerhaft über Likes und nette Nachrichten organisieren.
Manche Empfindungen brauchen Zeit. Andere machen uns auf etwas aufmerksam, das in unserem Leben gerade nicht stimmt.
Das bedeutet nicht, dass wir jedes unangenehme Gefühl ausgiebig durchleben oder ständig nach seiner tieferen Bedeutung suchen müssen.
Wir dürfen uns ablenken, Spaß haben, spontan sein und Dinge einfach genießen.
Ein Stück Schokolade muss schließlich keine psychologische Fallstudie werden.
Aber wir müssen auch nicht jede innere Unruhe sofort beseitigen.
Langeweile darf gelegentlich langweilig sein. Nach einer Enttäuschung dürfen wir enttäuscht bleiben. Und wenn wir einen schlechten Tag hatten, ist es nicht unsere Aufgabe, bis zum Schlafengehen unbedingt noch einen guten daraus zu machen.
Gefühle sind keine technischen Störungen, für die wir möglichst schnell die passende Reparaturanleitung finden müssen.
Manchmal hilft es schon, zu bemerken, was gerade los ist, bevor wir automatisch nach dem nächsten Reiz greifen.
Denn nicht alles, wonach wir suchen, ist auch das, was wir brauchen.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht immer, worauf wir gerade Lust haben.
Viel interessanter ist, welches Gefühl wir uns davon eigentlich erhoffen.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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