Warum wir aus unseren Fähigkeiten so oft eine Pflicht machen
Nur weil wir etwas gut können, müssen wir es nicht ständig leisten. Warum uns unsere eigenen Stärken manchmal unter Druck setzen und was dahintersteckt.


Seit wann müssen wir eigentlich alles leisten, was wir können?
Es gibt Menschen, denen traut man einfach alles zu.
Sie finden Lösungen, haben ein Händchen für Technik, behalten in schwierigen Situationen den Überblick oder wissen auf Fragen eine Antwort, bei denen andere erst einmal Google bemühen müssen.
Solche Menschen sind beliebt. Besonders dann, wenn irgendwo Arbeit anfällt.
„Frag doch mal X. X kriegt das bestimmt hin.“
Ein Satz, der zunächst wie ein Kompliment klingt. Bis man feststellt, dass man inzwischen für erstaunlich viele Dinge zuständig ist, um die man sich nie beworben hat.
Aus einer Fähigkeit wird eine Selbstverständlichkeit. Und irgendwann fragt niemand mehr, ob man überhaupt Lust oder Zeit dafür hat.
Die Sache mit dem eigenen Potenzial
Wer privat gerne an Autos schraubt, möchte deshalb nicht zwangsläufig Kfz-Mechatroniker werden. Wer sich für Natur und Gesteine begeistert, träumt nicht automatisch von einer Karriere als Geologe.
Trotzdem haben wir eine merkwürdige Angewohnheit, aus den Fähigkeiten anderer sofort etwas machen zu wollen.
„Du bist doch so gut darin!“
Stimmt. Und?
Offenbar reicht es nicht, ein Talent zu besitzen. Man soll es nutzen, ausbauen, perfektionieren und im Idealfall noch Geld damit verdienen.
Dabei verändert sich eine Tätigkeit erheblich, sobald sie einen festen Platz im Pflichtprogramm bekommt.
Wer am Wochenende leidenschaftlich an einem alten Motorrad schraubt, genießt möglicherweise gerade das ziellose Tüfteln. Als Beruf würde dieselbe Tätigkeit plötzlich bedeuten, Aufträge abzuarbeiten, Termine einzuhalten und sich mit Kunden herumzuschlagen, die ihr Fahrzeug am liebsten schon gestern zurückgehabt hätten.
Gleiche Fähigkeit, völlig andere Lebensrealität.
Und das gilt nicht nur für Hobbys. Auch beruflich können wir etwas hervorragend beherrschen, ohne es deshalb ständig oder unter allen Bedingungen ausüben zu wollen.
Der härteste Boss sitzt in uns selbst
Noch komplizierter wird es, wenn wir anfangen, unsere Leistungsfähigkeit mit unserem persönlichen Wert zu verwechseln.
Wir kennen unsere Stärken. Wir erinnern uns an Tage, an denen wir unglaublich produktiv waren, und nehmen ausgerechnet diese Ausnahmetage als Maßstab.
Was einmal eine beeindruckende Leistung war, wird zur persönlichen Mindestanforderung.
Läuft es schlechter, suchen wir den Fehler bei uns.
Zu wenig Disziplin? Schlechtes Zeitmanagement? Fehlende Motivation?
Irgendetwas lässt sich bestimmt noch optimieren.
Dabei funktioniert Leistungsfähigkeit nicht wie eine Maschine, bei der man nur den richtigen Knopf drücken muss.
Ein Mensch kann hochkonzentriert komplexe Probleme lösen und trotzdem an acht Stunden voller Unterbrechungen scheitern. Jemand anderes kann hervorragend mit Menschen umgehen und nach einem Tag voller Gespräche völlig erschöpft sein.
Wir sehen oft nur, was jemand zustande bringt. Nicht, welchen Kraftaufwand es erfordert.
Und ausgerechnet wir selbst sind dabei häufig unsere strengsten Kritiker.
Als wäre unser bester Tag eine vertraglich zugesicherte Dauerleistung.
Wenn das eigene Leben zur Theaterrolle wird
Manchmal erinnert mich das Leben an ein Theaterstück.
Wir übernehmen verschiedene Rollen, lernen unseren Text und wissen irgendwann genau, wann unser Einsatz kommt. Wir werden zum zuverlässigen Problemlöser, zum Organisationstalent oder zu dem Menschen, der auch dann noch die Ruhe bewahrt, wenn hinter den Kulissen längst Chaos herrscht.
Das Publikum ist begeistert. Der Applaus tut gut.
Und irgendwann stellt sich eine ziemlich unbequeme Frage: Gefällt mir dieses Stück eigentlich noch?
Denn eine Rolle kann perfekt zu unseren Fähigkeiten passen und trotzdem nicht zu dem Leben, das wir führen möchten.
Das Schwierige daran ist weniger, dass wir unseren Text nicht ändern könnten. Es ist die Vorstellung, was passiert, wenn wir plötzlich etwas anderes spielen.
Das Publikum könnte irritiert sein. Die Mitspieler müssten improvisieren. Und möglicherweise fällt sogar der Applaus aus.
Andererseits wäre es doch ziemlich absurd, ein ganzes Leben lang in einer Inszenierung mitzuwirken, nur weil man seinen Einsatz so hervorragend beherrscht.
Wenn Können zur Dauerbelastung wird
Wir können ziemlich lange über unsere Kräfte gehen, ohne es uns einzugestehen.
Vor allem, wenn wir daran gewöhnt sind, dass alles irgendwie funktioniert.
Also erledigen wir noch schnell etwas, springen ein, hängen eine Stunde dran und verschieben die Erholung auf später.
Später ist bekanntlich ein ausgesprochen geduldiger Termin.
Irgendwann lässt allerdings die Konzentration nach. Die Geduld wird dünner, selbst Kleinigkeiten kosten Kraft und für Dinge, die uns früher leichtfielen, brauchen wir plötzlich deutlich mehr Energie.
Statt die Belastung zu hinterfragen, zweifeln wir erst einmal an uns selbst.
Früher ging das doch auch. Warum stellen wir uns jetzt so an?
Also reißen wir uns noch ein bisschen mehr zusammen.
Ein bemerkenswerter Lösungsansatz, wenn genau dieses ständige Zusammenreißen längst Teil des Problems ist.
Vielleicht liegt die Schwierigkeit gar nicht darin, dass wir weniger können als früher. Möglicherweise haben wir nur zu lange versucht, mehr zu leisten, als auf Dauer gut für uns ist.
Die Kunst, sich selbst ernst zu nehmen
Wer lange gewohnt war, alles hinzubekommen, muss manchmal erst lernen, die eigenen Grenzen überhaupt wahrzunehmen.
Und selbst wenn wir sie kennen, heißt das noch lange nicht, dass wir sie auch vertreten.
Da kommt eine Anfrage, und eigentlich ist sofort klar: Das wird zu viel.
Trotzdem schreiben wir eine Antwort, löschen sie wieder und suchen nach einer möglichst überzeugenden Begründung.
Dabei reicht ein Satz.
„Das schaffe ich gerade nicht.“
Klingt einfach. Kann sich aber ziemlich unangenehm anfühlen, wenn man sich bisher vor allem über Zuverlässigkeit und Leistungsbereitschaft definiert hat.
Denn es kostet oft mehr Mut, etwas abzulehnen, als es einfach noch zusätzlich zu machen.
Wer bestimmt eigentlich, was genug ist?
Wir leben in einer Gesellschaft, die Leistung gerne mit Wert verwechselt.
Wer viel schafft, gilt als ehrgeizig. Wer immer verfügbar ist, als engagiert. Und wer besondere Fähigkeiten besitzt, soll sie gefälligst möglichst gewinnbringend einsetzen.
Psychologisch steckt dahinter häufig ein leistungsabhängiger Selbstwert. Wir fühlen uns besonders dann gut mit uns selbst, wenn wir etwas vorweisen können.
Das funktioniert erstaunlich gut. Zumindest so lange, wie wir liefern.
Schwieriger wird es, wenn wir weniger schaffen, Fehler machen oder feststellen, dass uns ein bestimmter Lebensentwurf überhaupt nicht entspricht.
Dann geht es plötzlich um mehr als die Frage, wie wir unsere Zeit verbringen. Es geht darum, wer wir eigentlich sein wollen, wenn wir nicht mehr ständig etwas beweisen müssen.
Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: die eigenen Fähigkeiten zu kennen, ohne aus ihnen eine Verpflichtung für das gesamte Leben abzuleiten.
Wir dürfen ehrgeizig sein, uns weiterentwickeln und Großes erreichen. Aber wir dürfen auch feststellen, dass uns etwas anderes wichtiger ist als das Maximum dessen, was theoretisch möglich wäre.
Ein erfülltes Leben muss schließlich keine lückenlose Demonstration unserer Leistungsfähigkeit sein.
Und ein überzeugender Auftritt ist noch lange kein Grund, das eigene Drehbuch aus der Hand zu geben.
Denn nur weil wir zu etwas fähig sind, heißt das noch lange nicht, dass wir es jemandem schuldig sind.
Auch uns selbst nicht.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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