Warum uns die Meinung anderer so wichtig ist
Warum wollen wir sogar Menschen beeindrucken, die wir gar nicht mögen? Über Anerkennung, Selbstwertgefühl und die Erwartungen, nach denen wir unser Leben ausrichten.


Wer bin ich, wenn ich niemandem mehr etwas beweisen muss?
Eigentlich ist es schon ziemlich verrückt. Wir können einen Menschen überhaupt nicht leiden, seine Ansichten fragwürdig finden und auf seine Gesellschaft liebend gern verzichten. Aber wehe, ausgerechnet dieser Mensch findet uns nicht gut! Plötzlich beschäftigt uns seine Meinung mehr, als sie es verdient hätte. Wir rechtfertigen uns, möchten einen guten Eindruck hinterlassen oder haben das Bedürfnis, ihm zu zeigen, dass er uns völlig falsch einschätzt.
Warum eigentlich? Weshalb möchten wir Menschen beeindrucken, die wir selbst gar nicht besonders beeindruckend finden? Und warum fällt es uns manchmal so schwer, einfach zu akzeptieren, dass uns jemand nicht mag?
Wir verknüpfen die Anerkennung anderer ziemlich schnell mit unserem eigenen Wert. Dabei ist die Meinung eines Menschen zunächst einmal seine persönliche Wahrnehmung und kein allgemeingültiges Urteil über uns. Dennoch verbringen wir erstaunlich viel Zeit damit, möglichst gut abzuschneiden. Im Beruf, im Freundeskreis, innerhalb der Familie und gelegentlich sogar bei Menschen, mit denen wir freiwillig keine fünf Minuten länger verbringen würden.
Wer bist du ohne deine Visitenkarte?
„Und was machst du beruflich?“ Eine der ersten Fragen, die wir stellen, wenn wir jemanden kennenlernen. Schließlich verbringen die meisten Menschen einen beträchtlichen Teil ihres Lebens mit ihrer Arbeit. Interessant wird es allerdings, wenn aus einer Berufsbezeichnung beinahe schon eine persönliche Bewertung wird. Ein angesehener Beruf, ein gutes Gehalt oder eine beeindruckende Position verschaffen gesellschaftliche Anerkennung. Und natürlich dürfen wir stolz auf das sein, was wir erreicht haben.
Aber was bleibt von unserem Selbstbild, wenn diese äußeren Merkmale keine Rolle spielen? Wer sind wir, wenn niemand nach unserem Titel fragt, unsere Erfolge bewundert oder wissen möchte, wie viel Geld wir verdienen?
Es ist ein Unterschied, ob wir Freude an unserer Arbeit haben oder ob wir sie brauchen, um uns wertvoll zu fühlen. Man kann seinen Beruf lieben und trotzdem feststellen, dass die Meinung anderer über den eigenen Erfolg einen erstaunlich großen Einfluss auf das Selbstwertgefühl hat. Dabei sind wir nach Feierabend schließlich auch noch jemand. Und unser Wert dürfte ruhig ein bisschen weniger davon abhängen, was auf einer Visitenkarte steht.
Warum wollen wir unbedingt gefallen?
Manchmal reicht dafür schon ein einziger Kommentar. Du sitzt bei einer Familienfeier, erzählst von einer Entscheidung, mit der du eigentlich ziemlich zufrieden bist, und jemand zieht skeptisch die Augenbrauen hoch. „Ach, du machst das jetzt wirklich so?“ Schon geht es los. Du erklärst, begründest und lieferst Argumente, weshalb deine Entscheidung durchaus sinnvoll ist, obwohl du überhaupt nicht um eine Beurteilung gebeten hast.
Besonders absurd wird es, wenn wir uns vor Menschen rechtfertigen, deren Lebensentscheidungen wir selbst niemals übernehmen würden. Menschen, deren Ansichten wir fragwürdig finden oder mit denen uns eigentlich gar nicht viel verbindet. Trotzdem möchten wir ihre Zustimmung.
Natürlich ist unser Bedürfnis nach Anerkennung und Zugehörigkeit menschlich. Wir möchten gemocht werden und einen guten Eindruck hinterlassen. Schwierig wird es, wenn fremde Bewertungen plötzlich mehr Gewicht bekommen als unsere eigene Einschätzung. Dann ärgern wir uns über eine abfällige Bemerkung, feilen gedanklich an der perfekten Antwort oder überlegen Stunden später noch, wie wir unser Gegenüber hätten überzeugen können.
Und wofür das Ganze? Damit jemand, den wir ohnehin nicht besonders schätzen, am Ende anerkennend nickt?
Manchmal verhalten wir uns tatsächlich, als müssten wir unsere gesamte Lebensführung vor einem unsichtbaren Prüfungsausschuss rechtfertigen. Dabei dürfen andere Menschen unsere Entscheidungen merkwürdig finden, unseren Geschmack nicht teilen oder ganz andere Vorstellungen vom Leben haben. Wir müssen schließlich auch nicht alles toll finden, was andere machen.
Wir könnten uns also viel häufiger fragen, weshalb uns eine bestimmte Meinung überhaupt so beschäftigt. Schätzen wir diesen Menschen und seine Erfahrung? Betrifft ihn unsere Entscheidung tatsächlich? Oder möchten wir einfach nur vermeiden, dass jemand schlecht über uns denkt?
Wessen Erwartungen erfüllen wir da eigentlich?
Manche Vorstellungen begleiten uns schon so lange, dass wir sie kaum noch hinterfragen. Wir haben gelernt, was als vernünftig gilt, wie man sich zu verhalten hat und welche Lebensentscheidungen Anerkennung verdienen. Die Erwartungen unserer Eltern, früherer Partner oder unseres gesellschaftlichen Umfelds können dabei zu einem inneren Maßstab werden, an dem wir uns noch Jahre später orientieren.
So entstehen Rollen, in denen wir uns irgendwann ziemlich gut auskennen. Die unkomplizierte Partnerin, der erfolgreiche Mann, die verständnisvolle Freundin oder der Mensch, auf den sich alle verlassen können. Daran ist grundsätzlich nichts verkehrt, solange wir uns darin wohlfühlen. Aber was passiert, wenn uns eine dieser Rollen längst zu eng geworden ist?
Wir sagen Ja, obwohl wir Nein meinen, halten uns mit unserer Meinung zurück oder treffen Entscheidungen, die auf dem Papier vernünftig aussehen, uns persönlich aber überhaupt nicht glücklich machen. Manchmal merken wir gar nicht, wie sehr wir uns anpassen, weil es längst zur Gewohnheit geworden ist.
Dabei lohnt es sich, einmal genauer hinzuschauen: Was macht mich abseits von Leistung und gesellschaftlicher Anerkennung aus? Wo halte ich mich zurück, nur um bei anderen gut anzukommen? Und wie würde ich mein Leben gestalten, wenn ich die Erwartungen meines Umfelds nicht ständig mit einplanen würde?
Die Antworten müssen keine radikale Lebensveränderung auslösen. Schließlich gehören Verantwortung, Rücksichtnahme und Kompromisse zu unserem Alltag. Entscheidend ist, ob wir uns bewusst für etwas entscheiden oder unsere eigenen Bedürfnisse regelmäßig zurückstellen, weil wir Angst vor Ablehnung haben.
Wir müssen nicht von allen bewundert, begehrt oder verstanden werden. Wir dürfen Entscheidungen treffen, ohne sie ausführlich zu verteidigen, und mit Menschen unterschiedlicher Meinung sein, ohne uns deshalb weniger wertvoll zu fühlen.
Vor allem dürfen wir aufhören, um die Anerkennung von Menschen zu kämpfen, deren Urteil wir selbst kaum schätzen.
Denn am Ende wäre es doch ziemlich bescheuert, ein Leben lang alles dafür zu tun, anderen zu gefallen, und dabei ausgerechnet einen Menschen immer wieder zu übergehen: uns selbst.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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