Wahrheit oder Einbildung? Wenn unser Kopf Geschichten erfindet
Ein Blick, ein Satz, ein Missverständnis und schon steht unser Urteil fest. Warum wir Situationen oft falsch einschätzen und uns selbst dabei gehörig täuschen.


Glaub nicht alles, was du denkst
Stell dir vor, ein Elefant, ein Esel und eine Maus stehen nebeneinander. Für die Maus ist der Elefant ein gigantisches Wesen, für den Esel einfach ziemlich groß. Der Elefant wiederum dürfte den Esel eher überschaubar finden, während die Maus aus seiner Perspektive vermutlich kaum der Rede wert ist.
Drei Tiere, dieselbe Situation und vollkommen unterschiedliche Einschätzungen.
Wer hat jetzt recht?
Im Grunde alle. Jedenfalls aus ihrer jeweiligen Perspektive.
Bei uns Menschen ist das nicht wesentlich anders. Wir beobachten etwas, ziehen unsere Schlüsse und sind anschließend meistens ziemlich überzeugt davon, dass wir die Sache richtig eingeordnet haben. Schließlich haben wir Augen im Kopf, einen funktionierenden Verstand und im Laufe unseres Lebens schon einiges erlebt.
Dass andere Menschen dieselbe Situation vollkommen anders betrachten könnten, erscheint uns deshalb gelegentlich etwas befremdlich. Vor allem, wenn wir doch ganz genau wissen, wie es gewesen ist.
Und damit wären wir bei einer interessanten Frage: Wie viel von dem, was wir für die Wahrheit halten, ist eigentlich unsere persönliche Interpretation davon?
Jeder hat recht. Zumindest aus seiner Sicht.
Ein ehemaliger Partner sagte einmal zu mir: „Jeder hat aus seiner Perspektive recht.“
Diesen Satz fand ich damals schon bemerkenswert. Denn wenn man sich einmal anschaut, worüber Menschen im Alltag diskutieren, könnte man meinen, wir würden ständig in unterschiedlichen Realitäten leben.
Da erzählt jemand von einem Gespräch, das er ausgesprochen angenehm fand, während sein Gegenüber hinterher berichtet, wie anstrengend die Begegnung gewesen sei. Ein Kommentar war angeblich nur ein harmloser Scherz, bei jemand anderem kommt er als ziemlich unverschämt an. Und während der eine glaubt, eine Situation längst geklärt zu haben, wartet der andere noch immer darauf, dass sie endlich besprochen wird.
Beide waren dabei. Beide haben dasselbe erlebt. Zumindest äußerlich.
Natürlich gibt es überprüfbare Tatsachen. Ob jemand etwas gesagt hat, lässt sich im Idealfall feststellen. Was mit dieser Aussage gemeint war und welche Bedeutung wir ihr geben, ist allerdings eine andere Geschichte.
Unsere Erziehung, unser Umfeld und unsere bisherigen Erfahrungen beeinflussen schließlich, wie wir Menschen und Situationen einschätzen. Das ist grundsätzlich sinnvoll. Wir müssen ja nicht jeden Morgen aufstehen und sämtliche Erkenntnisse der vergangenen Jahrzehnte neu erarbeiten.
Allerdings hat diese praktische Einrichtung einen kleinen Haken: Manchmal halten wir unsere persönlichen Schlussfolgerungen irgendwann für unumstößliche Tatsachen.
Wenn unser Kopf das Drehbuch schon kennt
Besonders deutlich wird das, wenn uns etwas bekannt vorkommt.
Nehmen wir eine Nachricht, auf die wir warten. Die Antwort bleibt aus und plötzlich gibt es erstaunlich viele Erklärungen dafür. Das Interesse ist weg, irgendetwas stimmt nicht oder wir haben uns offenbar schon wieder in jemandem getäuscht.
Dabei wissen wir zunächst nur, dass unser Handy noch nicht geklingelt hat.
Alles Weitere ist Interpretation. Möglicherweise eine zutreffende, möglicherweise aber auch eine ziemlich fantasievolle Eigenproduktion.
Unser Verstand greift eben gerne auf vorhandenes Material zurück. Wenn wir etwas Ähnliches schon einmal erlebt haben, erkennen wir vermeintlich vertraute Muster und ergänzen die fehlenden Informationen kurzerhand selbst.
Besonders interessant wird es, wenn wir uns anschließend entsprechend verhalten. Wer beispielsweise fest davon ausgeht, dass andere seine Meinung ohnehin nicht hören möchten, wird sie möglicherweise gar nicht erst äußern. Bleibt die eigene Sichtweise unberücksichtigt, scheint die ursprüngliche Annahme bestätigt.
„Hab ich doch gewusst!“
Ja, möglicherweise. Allerdings hätte das Gegenüber auch eine faire Chance gebraucht, überhaupt davon zu erfahren.
Manchmal tragen wir also selbst ein kleines Stück dazu bei, dass sich unsere Erwartungen erfüllen. Nicht, weil wir die Wirklichkeit mit unseren Gedanken herbeizaubern, sondern weil unsere Annahmen beeinflussen, wie wir uns verhalten.
Und das ist doch eine ziemlich interessante Erkenntnis, wenn wir mal wieder felsenfest davon überzeugt sind, dass etwas sowieso nicht funktionieren wird.
Wer sagt eigentlich, dass du noch derselbe Mensch bist?
Eine besonders hartnäckige Variante unserer persönlichen Wahrheiten betrifft das Bild, das wir von uns selbst haben.
„Ich bin eben nicht kreativ.“ „Mit Zahlen konnte ich noch nie etwas anfangen.“ „Ich bin nicht der Typ für sowas.“
Solche Sätze gehen uns erstaunlich leicht über die Lippen. Und manchmal stammen die entsprechenden Erkenntnisse aus einer Zeit, in der wir noch nicht einmal wussten, was wir später beruflich machen wollten.
Da reicht ein missglücktes Referat in der Schulzeit, um sich zwanzig Jahre später noch für einen schlechten Redner zu halten. Oder eine Bemerkung des Sportlehrers, und schon steht fest, dass körperliche Bewegung offenbar nicht zu unseren Kernkompetenzen gehört.
Man muss sich das einmal vorstellen: Wir entwickeln uns über Jahrzehnte weiter, sammeln Erfahrungen, lernen neue Fähigkeiten und verändern unsere Interessen. Aber ausgerechnet bestimmte Einschätzungen aus unserer Jugend behandeln wir, als wären sie notariell beglaubigt.
Dabei könnte uns heute leichtfallen, was uns früher überfordert hat. Vielleicht haben wir inzwischen Fähigkeiten entwickelt, die in unserem bisherigen Selbstbild schlicht noch keinen Platz gefunden haben.
Schließlich würden wir auch nicht freiwillig mit einer zwanzig Jahre alten Straßenkarte durch eine Stadt fahren, in der inzwischen die Hälfte der Straßen umgebaut wurde.
Ent-täuschung. Eigentlich gar kein schlechtes Wort.
Bei Enttäuschungen denken wir meistens an etwas Unangenehmes. Wir hatten bestimmte Erwartungen, haben uns etwas vorgestellt und mussten anschließend feststellen, dass die Wirklichkeit andere Pläne hatte.
Blöd gelaufen.
Wenn man das Wort allerdings einmal auseinanderzieht, steckt darin ein interessanter Gedanke: Eine Täuschung wird aufgehoben.
Etwas zeigt sich anders, als wir es bisher angenommen haben.
Und wer sagt eigentlich, dass das immer schlecht sein muss?
Wir können schließlich auch von etwas Negativem überzeugt sein und anschließend feststellen, dass wir uns gründlich geirrt haben. Ein Mensch, den wir zunächst unsympathisch fanden, entpuppt sich als ausgesprochen humorvoll. Eine Aufgabe, vor der wir großen Respekt hatten, macht uns plötzlich richtig Spaß. Oder eine Möglichkeit, die wir jahrelang ausgeschlossen haben, erweist sich als erstaunlich passend.
Auch hier verabschieden wir uns von einer bisherigen Vorstellung. Nur dürfte uns diese Art der Enttäuschung wesentlich besser gefallen.
Vielleicht ist es deshalb gar nicht verkehrt, wenn sich manche unserer Überzeugungen gelegentlich als falsch herausstellen. Es könnte schließlich bedeuten, dass die Wirklichkeit interessanter ist als das, was wir bisher darüber gedacht haben.
Glaub nicht alles, was du denkst
Dieser Satz hängt schon länger an meiner Pinnwand. Und ich finde, er wird mit zunehmender Lebenserfahrung eher treffender als weniger.
Denn wir sind ausgesprochen schnell darin, Menschen einzuordnen, Situationen zu bewerten und aus einzelnen Beobachtungen ziemlich umfassende Schlussfolgerungen zu ziehen.
Das ist menschlich. Nur sollten wir uns vielleicht nicht jedes Mal selbst zum obersten Gerichtshof für die allgemeingültige Wahrheit ernennen.
Manchmal lohnt es sich, nachzufragen, statt etwas vorauszusetzen. Einer neuen Erfahrung eine Chance zu geben, obwohl eine alte dagegenzusprechen scheint. Oder sich einzugestehen, dass wir über einen Menschen, eine Situation oder uns selbst möglicherweise noch gar nicht alles wissen.
Unsere Erfahrungen sind wertvoll. Aber sie sind eben nicht automatisch die einzig mögliche Sicht auf die Dinge.
Und wenn wir beim nächsten Mal wieder ganz genau zu wissen glauben, wie etwas ist, könnten wir uns eine kleine Frage stellen: Ist das tatsächlich so oder erzählt mir mein Kopf gerade einfach eine ziemlich überzeugende Geschichte?
Wer weiß, vielleicht stellen wir dabei fest, dass wir uns mit einer unserer felsenfesten Überzeugungen gründlich geirrt haben.
Wäre doch schön, wenn wir darüber ausnahmsweise mal lachen könnten.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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