People Pleasing: Wenn Fürsorge zur Selbstaufgabe wird

Du kümmerst dich um alle und bleibst selbst auf der Strecke? Warum People Pleasing deine Beziehungen prägt und was passiert, wenn du aufhörst, dich anzupassen.

Wer bist du, wenn du es nicht mehr allen recht machst?

Du hast gerade Feierabend. Endlich. Die Schuhe stehen im Flur, die Tasche liegt auf dem Boden, und für die nächsten zwei Stunden möchtest du mit niemandem über irgendetwas sprechen, das eine Lösung braucht.

Dann kommt eine Nachricht. Jemand hat ein Problem. Nichts Dramatisches. Eine dieser Angelegenheiten, bei denen ein erwachsener Mensch selbst auf eine Lösung kommen könnte.

Du liest die Nachricht, seufzt und fängst an nachzudenken. Wen könnte man anrufen? Wie ließe sich die Sache organisieren? Was wäre die einfachste Lösung?

Zehn Minuten später hast du drei Vorschläge formuliert, zwei Alternativen durchgespielt und bist kurz davor, selbst zum Telefon zu greifen.

Dabei wolltest du doch einfach nur deine Ruhe haben.

Die Krux daran: Niemand hat dich ausdrücklich gebeten, die Sache zu übernehmen. Du hast dich freiwillig zur Problemlösungsabteilung erklärt. Einschließlich Bereitschaftsdienst.

Und am nächsten Morgen wunderst du dich, weshalb du schon wieder so erschöpft bist.

Die Sache mit dem Gebrauchtwerden

Es gibt Menschen, die übernehmen Verantwortung für Dinge, für die sie überhaupt nicht zuständig sind. Sie denken mit, planen voraus, springen ein und sorgen dafür, dass niemand enttäuscht wird. Sie bemerken schlechte Stimmungen, bevor jemand ein Wort gesagt hat, und überlegen bereits, wie sie die Situation entschärfen können.

Das hat angenehme Seiten. Man gilt als zuverlässig, aufmerksam und hilfsbereit. Bei Problemen wissen andere sofort, an wen sie sich wenden können. Gebraucht zu werden fühlt sich gut an. Es vermittelt das Gefühl, wichtig zu sein und etwas beitragen zu können.

Nur schleicht sich dabei eine Gewohnheit ein, die irgendwann ihren Preis fordert: Du bist gedanklich ständig bei den anderen. Was brauchen sie? Wie geht es ihnen? Was könnte sie verletzen? Was muss noch erledigt werden?

Für die eigenen Bedürfnisse bleibt wenig Platz. Nicht weil sie unwichtig wären. Sie kommen im Tagesgeschäft schlicht nicht mehr dran.

Irgendwann bist du so erschöpft, dass du am liebsten überhaupt nichts mehr mit anderen Menschen zu tun haben möchtest. Keine Nachrichten, keine Erwartungen, keine Probleme.

Gestern noch die Rettungszentrale für sämtliche Lebenslagen, heute wegen Überlastung geschlossen.

Zwischen diesen beiden Zuständen scheint es kaum etwas zu geben. Dabei wäre genau dort ein ziemlich angenehmer Platz.

Der volle Terminkalender hat einen Vorteil

Wer sich ständig um andere kümmert, muss sich mit einer bestimmten Person erstaunlich selten beschäftigen: sich selbst.

Da ist immer etwas zu tun. Eine Freundin braucht Unterstützung, in der Familie gibt es Ärger, jemand kommt mit einer Aufgabe nicht zurecht. Und für all das lässt sich eine vernünftige Begründung finden. Du kannst helfen, du weißt, wie es geht, und du möchtest niemanden hängen lassen.

Nur hat diese permanente Beschäftigung einen Nebeneffekt. Sie hält Fragen auf Abstand, auf die es keine schnelle Antwort gibt.

Was möchte ich überhaupt? Welche Menschen tun mir gut? Welche Verpflichtungen würde ich heute noch einmal übernehmen? Und welche Beziehungen funktionieren vor allem deshalb so reibungslos, weil ich meine eigenen Wünsche ständig zurückstelle?

Solange du damit beschäftigt bist, das Leben anderer Menschen angenehmer zu machen, lassen sich solche Fragen hervorragend vertagen.

Deine Steuererklärung wartet seit Wochen. Eigene Unterlagen müssen sortiert werden, ein unangenehmer Anruf steht aus, und ein paar Entscheidungen schiebst du schon länger vor dir her. Dann meldet sich jemand mit einem Problem.

Plötzlich ist die Steuererklärung nicht mehr wichtig. Der andere braucht schließlich Unterstützung, und du kannst ihn doch nicht einfach damit alleinlassen.

Eine Stunde später hast du dich ausführlich mit einer Angelegenheit beschäftigt, die gar nicht deine ist. Deine eigenen Aufgaben liegen noch genauso da wie vorher.

Aber du warst beschäftigt. Und hattest sogar das gute Gefühl, etwas Sinnvolles getan zu haben.

Die unangenehme Wahrheit hinter der Harmonie

Sich selbst ehrlich zu begegnen, kann verdammt wehtun. Vor allem dann, wenn du erkennst, wie lange du bestimmte Dinge hingenommen hast.

Da sind Freundschaften, die nur durch deine Initiative lebendig geblieben sind. Beziehungen, in denen du deine Wünsche so oft zurückgestellt hast, dass niemand mehr auf die Idee kommt, danach zu fragen. Verpflichtungen, die irgendwann selbstverständlich wurden, obwohl du ihnen nie wirklich zugestimmt hast.

Und dann taucht eine Erkenntnis auf, die sich nicht besonders gut anfühlt:

Einige Menschen haben so wunderbar in dein Leben gepasst, weil du dich passend gemacht hast.

Du warst unkompliziert, verständnisvoll, flexibel, großzügig und hilfsbereit. Du hast dich auf andere eingestellt, Rücksicht genommen und versucht, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Hat dich etwas verletzt, hast du zunächst die Beweggründe des anderen verstehen wollen. Für vieles hattest du eine Erklärung.

Nur hast du dabei irgendwann aufgehört, dich zu fragen, was du selbst von einer Beziehung erwartest.

Das Bittere daran ist nicht allein das Verhalten der anderen. Es ist die Erkenntnis, wie lange du selbst daran mitgewirkt hast. Du wolltest die Verbindung erhalten, dazugehören und keinen Streit. Und irgendwann hast du aufgehört zu prüfen, ob der Preis dafür noch stimmt.

Die Verantwortung für fremde Gefühle

Ein erwachsenes Familienmitglied muss etwas organisieren. Noch bevor es selbst überlegt hat, wie es die Sache angehen könnte, hast du bereits drei Lösungsvorschläge. Du kennst die richtigen Ansprechpartner, weißt, worauf zu achten ist, und könntest den Anruf auch gleich selbst erledigen.

Oder jemand verändert seine Pläne, um Zeit mit dir zu verbringen. Statt dich darüber zu freuen, erklärst du sofort, dass das wirklich nicht nötig sei. Schließlich soll niemand das Gefühl haben, wegen dir auf etwas verzichten zu müssen.

In beiden Fällen versuchst du, mögliche unangenehme Gefühle vorsorglich zu verhindern. Schlechtes Gewissen, Unsicherheit oder Überforderung sollen gar nicht erst entstehen.

Dahinter kann eine Vorstellung stecken, die sich über Jahre festgesetzt hat: Wenn es jemandem wegen meiner Entscheidung schlecht geht, habe ich etwas falsch gemacht. Nur stimmt das nicht.

Du bist verantwortlich dafür, wie du mit anderen Menschen umgehst. Ob du ehrlich bist, fair bleibst und deine Entscheidungen respektvoll kommunizierst. Du bist nicht dafür verantwortlich, dass alle mit diesen Entscheidungen glücklich sind.

Ein erwachsener Mensch darf enttäuscht sein, sich ärgern und Entscheidungen treffen, die du anders getroffen hättest. Er darf seine Pläne ändern und selbst entscheiden, welche Verpflichtungen er übernimmt.

Du musst seine Gefühle weder verhindern noch für ihn verarbeiten.

Das klingt auf dem Papier ausgesprochen vernünftig. Im Alltag ist es eine ganz andere Geschichte.

Ein Nein verändert mehr als deinen Kalender

Stell dir vor, du sagst nicht sofort zu. Du erklärst nicht ausführlich, weshalb du keine Zeit hast, lieferst keine Ersatzlösung und versprichst auch nicht, es irgendwie doch noch möglich zu machen.

Du sagst freundlich, dass es diesmal nicht geht. Und wartest. Dieser Moment kann sich länger anfühlen als eine durchschnittliche Warteschleife beim Kundenservice. Was denkt die andere Person jetzt? Ist sie enttäuscht? Hält sie dich für egoistisch?

Die Antwort kann ein schlichtes „Alles klar“ sein. Sie kann aber auch weniger erfreulich ausfallen. Entscheidend ist, dass du nicht sofort versuchst, die Reaktion zu beeinflussen.

Denn mit jeder Grenze verändert sich etwas in einer Beziehung. Gewohnheiten werden sichtbar, Erwartungen geraten ins Wanken. Menschen, die sich darauf verlassen haben, dass du alles möglich machst, müssen umdenken. Andere lernen eine Seite von dir kennen, die bisher kaum Raum hatte.

Dabei muss niemand deine Grenzen begeistert begrüßen. Auch in guten Beziehungen entstehen Irritationen, wenn sich eingespielte Muster verändern. Eine enttäuschte Reaktion ist noch kein Beweis für fehlende Wertschätzung.

Interessant wird es dort, wo deine Bedürfnisse dauerhaft keinen Platz bekommen, Verständnis nur in eine Richtung funktioniert und du willkommen bist, solange du nichts verlangst.

Dann stellt sich eine Frage, die sich vorher kaum beantworten ließ: Mag dieser Mensch wirklich dich oder vor allem die Rolle, die du in seinem Leben übernommen hast?

Die Nachricht, die du nicht abschickst

Alte Verhaltensmuster verschwinden nicht, nur weil wir sie durchschaut haben. Du hast verstanden, dass du nicht für jedes Problem zuständig bist und andere Menschen mit ihren Entscheidungen selbst umgehen können.

Trotzdem sitzt du vor deinem Handy und formulierst bereits die nächste Nachricht.

„Du musst das wirklich nicht extra für mich machen.“

Der Text steht schon da. Dein Daumen schwebt über dem Senden-Button.

Dann bemerkst du, was gerade passiert. Du versuchst erneut, etwas abzufangen, das noch gar nicht eingetreten ist. Niemand hat sich beschwert. Niemand hat dich um eine Lösung gebeten. Du bist lediglich mit der Vorstellung beschäftigt, jemand könnte sich unwohl fühlen. Also legst du das Handy weg. Die Nachricht bleibt ungeschickt.

Kein großes Drama. Kein feierlicher Beschluss, ab sofort ein völlig neuer Mensch zu sein. Nur eine Nachricht weniger, mit der du dich wieder für etwas verantwortlich gemacht hättest.

Solche unscheinbaren Momente verändern auf Dauer mehr als die schönsten Vorsätze. Denn es geht nicht darum, nie wieder den Impuls zu haben, etwas zu erklären, zu retten oder zu regeln. Es geht darum, nicht mehr jedem dieser Impulse hinterherzulaufen.

Fürsorge ist keine Dauerverpflichtung

Wer über Jahre versucht hat, möglichst unkompliziert und hilfsbereit zu sein, verbindet den eigenen Wert leicht mit der Frage, wie angenehm andere Menschen einen finden.

Bin ich aufmerksam genug? Bin ich großzügig genug? Bin ich eine gute Freundin, eine gute Partnerin, ein guter Mensch?

Das Problem beginnt dort, wo aus einer schönen Eigenschaft eine Verpflichtung wird.

Fürsorge ist wertvoll. Rücksichtnahme ebenso. Und es spricht nichts dagegen, einem Menschen Arbeit abzunehmen, weil man ihn liebt oder ihm eine Freude machen möchte.

Etwas anderes ist es, ständig einzuspringen, weil man die Reaktion auf ein Nein fürchtet. Von außen sieht beides gleich aus. Du hilfst. Der Unterschied liegt in dem, was dich dazu bewegt.

Im Human Design wird mit Tor 27 die Qualität der Fürsorge verbunden. Sie steht für das Bedürfnis, zu nähren, zu unterstützen und Verantwortung zu übernehmen. Als Reflexionsbild wirft das eine interessante Frage auf: Wie sieht Fürsorge aus, wenn die eigenen Bedürfnisse darin ebenfalls Platz haben?

Denn wie viel von dem, was du für andere tust, entspringt echter Zuneigung? Und wie viel davon der Angst, nicht mehr gemocht zu werden, sobald du aufhörst?

Eine unbequeme Frage. Vor allem, wenn du dich bisher für einen ausgesprochen selbstlosen Menschen gehalten hast.

Wer bleibt, wenn du dich nicht mehr passend machst?

Authentisch zu leben klingt wunderbar. Nach Freiheit, Leichtigkeit und dem guten Gefühl, endlich ganz man selbst zu sein.

Weniger romantisch wird es, sobald andere Menschen davon betroffen sind.

Du möchtest mitentscheiden, statt dich anzupassen. Du sprichst an, wenn dich etwas verletzt hat. Du hast keine Lust auf eine Verabredung und erfindest dafür keine überzeugende Ausrede.

Das ist für dein Umfeld eine Umstellung. Einige Menschen werden irritiert reagieren, andere sind erleichtert, weil sie endlich wissen, woran sie bei dir sind. Beziehungen können dadurch ehrlicher werden, aber auch an Nähe verlieren.

Und es gibt Verbindungen, bei denen du erst jetzt bemerkst, wie viel Arbeit du allein hineingesteckt hast.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch, der mit deinen neuen Grenzen Schwierigkeiten hat, aus deinem Leben verschwinden muss. Auch gute Beziehungen geraten ins Stolpern, wenn sich eingespielte Muster verändern.

Aber du bekommst Informationen, die dir vorher gefehlt haben. Du erfährst, welche Menschen nachfragen, statt dir Vorwürfe zu machen, sich für deine Wünsche interessieren und mit dir verbunden bleiben möchten, auch wenn du nicht sofort zur Verfügung stehst.

Du lernst Menschen von einer Seite kennen, die du bisher kaum sehen konntest, weil du ständig damit beschäftigt warst, ihnen entgegenzukommen.

Du musst nicht für alle der richtige Mensch sein

Am Ende geht es nicht darum, weniger fürsorglich zu werden. Du darfst weiterhin helfen, dich kümmern und für andere da sein. Du darfst großzügig sein und Freude daran haben, jemandem das Leben leichter zu machen. Nur musst du dafür nicht ständig über deine eigenen Grenzen gehen. Du darfst Nein sagen, ohne die Reaktion des anderen vorsorglich zu entschärfen. Du darfst eine Beziehung wichtig finden, ohne allein dafür zuständig zu sein, dass sie funktioniert. Und du darfst dich selbst genauso ernst nehmen wie die Menschen, die dir wichtig sind.

Nicht jede Verbindung wird diese Veränderung überstehen. Andere werden dadurch erst richtig gut. Denn solange du versuchst, für alle der richtige Mensch zu sein, bleibt eine entscheidende Frage unbeantwortet:

Wer sind eigentlich die richtigen Menschen für dich?

Und um das herauszufinden, musst du aufhören, dich für jeden passend zu machen.

Stay wonderful!
Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.