Otrovert – noch ein neues Label?


Neues Label gefällig?
Neulich bin ich über ein TikTok gestolpert. Es ging um einen angeblich neuen Persönlichkeitstyp: den „Otrovert“. Und ja, ich habe mich an vielen Stellen wiedererkannt. Nicht schockiert, nicht euphorisch, eher dieses leise innere Nicken. Gleichzeitig war da aber auch etwas anderes: Ich brauche dieses Label nicht. Und genau darum geht es in diesem Text.
Warum sich so viele Menschen im Begriff „otrovertiert“ wiederfinden, liegt nicht daran, dass hier etwas völlig Neues entdeckt wurde. Sondern daran, dass ein inneres Erleben beschrieben wird, für das viele lange keine Worte hatten. Menschen, die gern mit anderen sind, aber nicht mit der Masse. Die Tiefe suchen statt Dauerkommunikation. Die empathisch, aufmerksam und sozial kompetent sind – und trotzdem allein auftanken müssen. Menschen, die sich selten ausgeschlossen fühlen, aber auch selten wirklich zugehörig. Eher daneben als dagegen. Nicht falsch, nur nicht passend zu den gängigen Schubladen.
Sachlich betrachtet ist wichtig zu sagen: „Otrovert“ ist kein wissenschaftlich anerkannter Persönlichkeitstyp. Kein offizielles Modell, keine Diagnose, kein neuer Eintrag in der Psychologie. Was hier beschrieben wird, ist eher eine Sammelbeschreibung. Eine Verdichtung von Eigenschaften, die sich häufig überschneiden: Hochsensibilität, eine eher introvertierte Grundstruktur, feine Wahrnehmung, soziale Sicherheit, ein starkes Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit, sowie der Wunsch nach echten, tiefen Verbindungen statt breiter sozialer Vernetzung. Oder einfacher gesagt: Menschen, die nicht für Gruppenzwang, Dauerlärm und kollektive Identität gebaut sind.
Ein Punkt aus diesen Videos hat mich besonders berührt: Es geht nicht um Distanz zu Menschen, sondern um bewusste Nähe. Nicht um Rückzug aus Angst, sondern um Selbstregulation. Nähe ja – Verschmelzung nein. Diese Menschen wollen Verbindung, aber nicht um den Preis der Selbstaufgabe. Sie wollen Gespräche, keine Rollen. Präsenz, aber keine Erwartungen. Räume, in denen sie atmen können. Das ist kein Widerspruch, das ist ein feines Gespür für sich selbst.
Für mich fühlt sich das so an: Ich bin nicht introvertiert oder extrovertiert oder otrovertiert. Ich bin situativ, resonant, wach. Ich reagiere auf Menschen, Räume, Stimmungen. Ich bleibe, wenn es stimmig ist. Ich gehe, wenn es kippt. Nicht aus Angst. Sondern aus Klarheit.
Vielleicht ist „otrovertiert“ kein Persönlichkeitstyp, sondern eher eine Haltung. Eine innere Erlaubnis, sich nicht festzulegen. Eine Form von Reife, die weiß, dass Verbindung und Rückzug keine Gegensätze sind. Dass Nähe nicht laut sein muss. Und dass man kein Etikett braucht, um sich selbst ernst zu nehmen.
Vielleicht ist das alles kein Typ. Vielleicht ist es einfach eine Art, in der Welt zu sein. Eine, die nicht laut sein muss und sich auch nicht verstecken will. Eine, die Nähe bewusst wählt und Rückzug nicht erklärt. Ich merke jedenfalls: Ich brauche kein neues Etikett, um mich einzuordnen. Aber es war cool, mich darin wiederzuerkennen.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Mein Angebot richtet sich ausschließlich an psychisch gesunde Menschen. Ich bin Coach – kein Arzt und keine Therapeutin. Meine Arbeit ersetzt keine medizinische, psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung.
Wenn du unsicher bist, ob Coaching für dich geeignet ist, wende dich bitte an deinen (Haus)arzt oder eine therapeutische Fachperson. Dort bekommst du eine fundierte Einschätzung und gegebenenfalls die passende Unterstützung.
Kostenlose Hilfe und Beratung findest du auch unter: www.116117.de
![Life compas[sion] logo](https://assets.zyrosite.com/cdn-cgi/image/format=auto,w=768,fit=crop,q=95/mv0jDpXn7ZCVk8QJ/schwarz-modern-minimalistisch-kalligraphie-logo-Aq2W13EEQKTeLqpq.png)