Online-Dating: Warum gute Chemie allein nicht reicht
Ein tolles Match, starke Anziehung und trotzdem unterschiedliche Erwartungen? Wie du Dating-Profile ernst nimmst, auf dein Bauchgefühl hörst und erkennst, ob ihr zusammenpasst.


Dating-Apps: Weißt du eigentlich, was du willst?
Du bist auf Tinder und Co. unterwegs, schaust dir Profile an, schreibst mit interessanten Menschen und irgendwann kommt es zum ersten Date. Die Chemie stimmt, ihr lacht miteinander, findet euch attraktiv und entdeckt jede Menge Gemeinsamkeiten. Läuft doch!
Bis du feststellst, dass ihr ziemlich unterschiedliche Vorstellungen davon habt, was ihr miteinander erleben möchtet. Und jetzt? Die Anziehung ist schließlich da, ihr habt euch hervorragend verstanden und so jemanden trifft man ja auch nicht jeden Tag.
Also überlegst du, ob du deine Vorstellungen nicht doch ein bisschen anpassen könntest. Moment mal. War da nicht was?
Weißt du eigentlich, wonach du suchst?
Damit meine ich nicht nur die üblichen Kategorien wie feste Beziehung, Freundschaft Plus oder etwas Lockeres. Viel interessanter ist doch, was Menschen darunter verstehen und wie sie eine Verbindung tatsächlich leben möchten.
Geht es dir um gemeinsame Unternehmungen, regelmäßigen Austausch, sexuelle Abenteuer, emotionale Nähe oder eine Mischung aus allem? Wie viel Freiheit brauchst du und welche Form von Verbindlichkeit wünschst du dir?
Gerade bei einer Freundschaft Plus können die Vorstellungen erstaunlich weit auseinanderliegen. Während der eine hauptsächlich unkomplizierte Sexdates im Kopf hat, möchte der andere auch gemeinsam etwas unternehmen, miteinander lachen und füreinander da sein. Beides ist legitim. Man sollte nur möglichst früh herausfinden, ob man überhaupt über dieselbe Sache spricht.
Und wie sieht es mit deinem eigenen Dating-Profil aus? Beschreibst du darin dich selbst und deine Vorstellungen oder hauptsächlich die Eigenschaften deines Wunschpartners? Humorvoll, attraktiv, selbstbewusst, ehrlich, treu, spontan und unternehmungslustig. Klingt hervorragend. Fehlt nur noch „teamfähig und belastbar“, dann könnte das Ganze auch als Stellenanzeige durchgehen.
Viel aufschlussreicher wäre doch, wer du bist, was dir Freude macht und wie du dir euer Miteinander vorstellst. Schließlich möchtest du Menschen kennenlernen, die mit deinen Vorstellungen auch etwas anfangen können. Am besten klärst du das für dich, bevor jemand auftaucht, der dich mit seinem Lächeln, seinem Humor oder seinem Hintern völlig aus dem Konzept bringt.
Profil gelesen. Aber auch verstanden?
Was für dein eigenes Profil gilt, gilt selbstverständlich auch für das deines Gegenübers. Lies es aufmerksam durch und nimm ernst, was dort steht. Wenn jemand ausdrücklich schreibt, dass er etwas Unverbindliches sucht, ist das zunächst eine ziemlich klare Aussage. Keine versteckte Aufforderung, ihn vom Gegenteil zu überzeugen. Natürlich können Menschen ihre Meinung ändern. Aber darauf zu hoffen, dass ausgerechnet du diese Veränderung auslösen wirst, ist keine besonders belastbare Dating-Strategie.
Und jetzt mal unter uns, Mädels: Wir können ja durchaus kommunikativ und textfreudig sein. Da wird das eigene Profil liebevoll formuliert, überarbeitet und mit sämtlichen wichtigen Informationen versehen. Ein kleines literarisches Meisterwerk!
Nur weil ein Mann anschließend sagt, er habe dein Profil gelesen, bedeutet das allerdings noch lange nicht, dass er auch alles verstanden hat. Vielleicht wurde der Text nur überflogen, während die Fotos deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen haben. Kann ja passieren! Deshalb lohnt es sich, auch beim Schreiben aufmerksam zu bleiben. Manchmal entsteht plötzlich dieses komische Bauchgefühl. Eine Aussage irritiert dich oder du fragst dich, ob ihr gerade überhaupt vom Gleichen sprecht.
Vertrau deiner Intuition und frag nach. Dein Bauchgefühl muss nicht automatisch richtig liegen, aber es kann dich auf etwas aufmerksam machen, das du genauer klären möchtest. „Sag mal, hast du eigentlich gelesen, was ich in meinem Profil geschrieben habe?“ ist schließlich eine völlig legitime Frage. Wenn dort wenig steht, darfst du genauso neugierig werden. Was sucht dein Gegenüber? Wie stellt er sich den Kontakt vor? Was ist ihm wichtig?
Dafür musst du niemanden einer schriftlichen Abschlussprüfung unterziehen. Ein normales Gespräch reicht völlig, um eure grundsätzliche Kompatibilität einzuschätzen.
Und ganz nebenbei: Wenn du erwartest, dass deine Wünsche respektiert werden, solltest du mit den Aussagen des anderen genauso umgehen. Ein bisschen Aufmerksamkeit im Vorfeld kann euch einige Missverständnisse und ziemlich überflüssige Dates ersparen.
Wenn die Chemie stimmt und der Kopf schon Zukunftspläne schmiedet
Jetzt habt ihr euch ausgetauscht, ein paar Gemeinsamkeiten entdeckt und schließlich ein Date vereinbart. Ihr versteht euch großartig, flirtet miteinander und die körperliche Anziehung ist kaum zu übersehen. Da darf es ruhig knistern!
Unser Kopf ist allerdings ziemlich talentiert darin, aus wenigen Informationen eine beeindruckende Geschichte zu basteln. Bei aller Begeisterung setzt manchmal eine gewisse Idealisierung ein. Nach zwei schönen Dates hat die Fantasie vorsichtshalber schon ein paar gemeinsame Wochenenden verplant, während die Realität noch nicht einmal weiß, ob es ein drittes Treffen gibt. Und dann kommt möglicherweise eine Information, die nicht so recht ins romantische Drehbuch passt.
Dein Gegenüber möchte beispielsweise ausschließlich gelegentliche Treffen, während du dir regelmäßige gemeinsame Unternehmungen wünschst.
Jetzt wird es interessant. Denn plötzlich entsteht eine kognitive Dissonanz zwischen dem, was du eigentlich möchtest, und dem, worauf du dich gerade einlassen würdest.
Also beginnt die innere Verhandlung. Vielleicht reicht dir das ja doch. Vielleicht entwickelt sich irgendwann mehr daraus. Vielleicht solltest du einfach ein bisschen lockerer werden.
Schließlich wäre es verdammt schade, diese Anziehung sausen zu lassen. Aber warum solltest du deine Bedürfnisse herunterhandeln, nur weil du jemanden attraktiv findest? Und noch etwas: Selbst wenn das Date richtig schön war und dein Gegenüber inzwischen ziemlich horny ist, verpflichtet dich das zu überhaupt nichts.
Du darfst die sexuelle Spannung genießen, nach Hause fahren und erst einmal eine Nacht darüber schlafen. Vielleicht möchtest du diesen Menschen wiedersehen, vielleicht hast du Lust auf Sex oder stellst mit etwas Abstand fest, dass dir etwas Entscheidendes fehlt. Deine Einschätzung darf sich auch nach einem persönlichen Treffen noch verändern. Dafür muss niemand etwas falsch gemacht haben.
Beim Dating beschäftigen wir uns häufig intensiv damit, ob wir dem anderen gefallen. Dabei ist die eigene Entscheidung mindestens genauso wichtig. Gefällt dir, wie dieser Mensch kommuniziert, welche Vorstellungen er mitbringt und wie er mit deinen Wünschen umgeht? Gerade hier zeigt sich Kongruenz zwischen dem, was wir innerlich wollen, und dem, wozu wir tatsächlich Ja sagen.
Du musst keinen perfekten Menschen finden, der sämtliche Punkte auf deiner Wunschliste erfüllt. Unterschiedliche Persönlichkeiten können sich schließlich hervorragend ergänzen. Aber die wesentlichen Bedürfnisse sollten miteinander vereinbar sein, ohne dass sich einer dafür verbiegen muss. Vielleicht ist genau das eine ziemlich gute Haltung fürs nächste Date: neugierig bleiben, offen für Überraschungen sein und sich die Freiheit nehmen, anschließend selbst zu entscheiden.
Denn beim Dating geht es nicht ausschließlich darum, ob ein anderer Mensch Ja zu dir sagt. Dein inneres Ja sollte schließlich auch zu dem passen, wozu du nach außen Ja sagst.
Und wie fantastisch ist das denn bitte, wenn beides zusammenpasst?
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
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