Kinder stärken: Selbstvertrauen statt Erwartungsdruck
Wie prägen unsere Worte, Ängste und Erwartungen das Selbstbild unserer Kinder? Über Selbstvertrauen, große Träume und eine liebevolle Erziehung mit Freiraum.


Wie viel von sich selbst dürfen unsere Kinder eigentlich sein?
Wir wünschen uns selbstbewusste Kinder. Kinder, die mutig durchs Leben gehen, ihre Meinung vertreten, eigene Entscheidungen treffen und sich etwas zutrauen. Die ihre Talente entdecken, große Träume haben und irgendwann ihren ganz eigenen Platz im Leben finden.
Und dann erzählt uns ein Kind voller Begeisterung, dass es später einmal Astronaut werden, etwas Bahnbrechendes erfinden oder um die Welt reisen möchte. Während es gedanklich bereits auf dem Mond herumspaziert, beschäftigen wir uns möglicherweise schon mit seinen Mathenoten, den Ausbildungsvoraussetzungen und der Frage, wie realistisch das Ganze überhaupt ist.
Schließlich möchten wir unsere Kinder vor Enttäuschungen bewahren. Das ist verständlich. Nur passiert es manchmal, dass wir ihnen ausgerechnet das ausreden, was wir uns eigentlich für sie wünschen: den Mut, an sich selbst zu glauben.
Zwischen Beschützen und Zutrauen
Eltern haben eine ziemlich anspruchsvolle Aufgabe. Sie möchten ihre Kinder beschützen, ihnen Orientierung geben und sie gleichzeitig zu eigenständigen Menschen erziehen. Im Alltag ist das manchmal leichter gesagt als getan. Da versucht das Kind morgens seit einer gefühlten Ewigkeit, seinen Reißverschluss zu schließen, während wir bereits mit einem Bein aus der Haustür stehen. Irgendwann übernehmen wir entnervt selbst. Schließlich möchten wir ja auch noch vor dem Mittagessen ankommen.
Ähnlich ist es beim Klettern, Fahrradfahren oder bei Dingen, die ein Kind zum ersten Mal allein ausprobieren möchte. Natürlich müssen wir Kinder vor ernsthaften Gefahren schützen. Aber nicht jede Herausforderung ist gleich eine Gefahr und nicht jedes Missgeschick eine Katastrophe. Manchmal dürfen wir einfach in der Nähe bleiben und beobachten, wie unser Kind selbst eine Lösung findet.
Genau dabei entwickelt sich Selbstwirksamkeit. Kinder erleben, dass sie durch ihr eigenes Handeln etwas erreichen können. Sie probieren aus, machen Fehler, entwickeln neue Ideen und stellen irgendwann fest, dass sie mehr können, als sie selbst gedacht hätten.
Und was ist mit ihren großen Träumen? Auch hier dürfen wir vielleicht etwas großzügiger sein. Sätze wie „Dafür bist du nicht gemacht“, „Wir kommen nicht aus solchen Verhältnissen“ oder „Lern lieber etwas Vernünftiges“ können sich ziemlich hartnäckig festsetzen. Aus gut gemeinter Vorsicht wird möglicherweise eine Überzeugung, die ein Mensch noch als Erwachsener mit sich herumträgt.
Dabei haben auch erfolgreiche Erfinder, Unternehmer und Künstler irgendwann einmal klein angefangen. Das bedeutet natürlich nicht, dass jedes Kind später etwas Außergewöhnliches leisten muss. Aber es sollte seine Interessen entdecken dürfen, ohne dass wir seine Möglichkeiten von vornherein auf das begrenzen, was wir selbst für erreichbar halten.
Was Kinder über sich selbst zu hören bekommen
Kinder entwickeln ihr Selbstbild auch durch unsere Worte und Reaktionen. Dabei sind es manchmal ganz beiläufige Bemerkungen, die wir überhaupt nicht böse meinen. „Du bist immer so empfindlich“, „Jetzt stell dich nicht so an“ oder „Du bist einfach zu schüchtern“.
Besonders interessant finde ich, wie selbstverständlich Erwachsene gelegentlich in der dritten Person über Kinder sprechen, obwohl diese direkt danebenstehen. Da sitzt die Familie gemütlich zusammen und jemand erzählt ausführlich, wie anstrengend, faul oder schwierig das eigene Kind momentan ist. Und das Kind hört zu.
Stell dir vor, dein Partner würde beim nächsten Abendessen vor Freunden erklären, wie empfindlich, ungeschickt oder nervig du gerade bist. Vermutlich wäre deine Begeisterung überschaubar.
Natürlich dürfen Eltern über Schwierigkeiten sprechen und sich Unterstützung holen. Aber wir können darauf achten, wann und wie wir das tun. Denn wenn einem Kind bestimmte Eigenschaften immer wieder zugeschrieben werden, kann es diese irgendwann selbst für einen festen Bestandteil seiner Persönlichkeit halten.
Auch unsere Reaktionen auf Fehler spielen eine Rolle. Ein Kind, das wegen einer schlechten Klassenarbeit beim letzten Mal großen Ärger bekommen hat, überlegt sich möglicherweise sehr genau, ob es die nächste schlechte Note überhaupt zeigen möchte. Wenn es die Arbeit schließlich versteckt, beschäftigen wir uns verständlicherweise mit der Unehrlichkeit. Dabei lohnt sich auch die Frage, wovor das Kind eigentlich Angst hatte.
Es geht nicht darum, jedes Verhalten gutzuheißen oder auf Konsequenzen zu verzichten. Kinder brauchen Grenzen und Orientierung. Gleichzeitig dürfen sie wissen, dass sie auch mit einer schlechten Note, einem Missgeschick oder einer ziemlich blöden Entscheidung zu uns kommen können.
Und sie müssen nicht ständig etwas leisten, gewinnen oder besonders brav sein, um sich geliebt und angenommen zu fühlen.
Wenn unsere eigene Kindheit plötzlich mitredet
Jetzt wird es spannend. Denn wir erziehen unsere Kinder schließlich nicht unabhängig von unserer eigenen Geschichte.
Wir bringen Erfahrungen, Werte, Glaubenssätze und Vorstellungen darüber mit, wie man sich zu verhalten hat und was im Leben wichtig ist. Vielleicht haben wir selbst gelernt, dass Widerspruch respektlos ist. Dann bringt es uns möglicherweise ziemlich auf die Palme, wenn unser Kind selbstbewusst seine Meinung vertritt. Dabei wollten wir doch eigentlich einen Menschen großziehen, der später für sich einstehen kann. Vielleicht mussten wir besonders angepasst sein oder haben früh gelernt, dass Sicherheit wichtiger ist als Abenteuer. Dann fällt es uns möglicherweise schwer, unserem Kind Freiraum zu geben, obwohl wir uns genau das für seine Entwicklung wünschen.
Hinter solchen Reaktionen steckt häufig unglaublich viel Liebe und der Wunsch, es besser zu machen. Manchmal spielen aber auch alte Schutzstrategien mit, die wir irgendwann selbst entwickelt haben.
Deshalb kann es hilfreich sein, kurz innezuhalten, wenn uns eine Situation ungewöhnlich stark aufregt. Geht es gerade tatsächlich um eine notwendige Grenze? Oder berührt das Verhalten unseres Kindes etwas, das wir aus unserer eigenen Kindheit kennen?
Vielleicht entdecken wir dabei sogar, dass unser Kind sich gerade etwas erlaubt, das wir selbst früher nicht durften. Laut sein, Nein sagen, etwas wagen oder einen Traum verfolgen, den unser Umfeld für völlig unrealistisch gehalten hätte.
Und möglicherweise erinnert uns das an eigene Wünsche, die wir irgendwann aufgegeben haben. Den Beruf, den wir eigentlich ergreifen wollten. Eine Reise, von der wir jahrelang geträumt haben. Etwas, das uns unglaublich begeistert hat, bis uns jemand erklärte, dass daraus sowieso nichts werden würde. Wie viele dieser alten Träume würden wir heute wohl anders betrachten?
Vielleicht dürfen wir unseren Kindern deshalb nicht nur Mut machen, ihren eigenen Weg zu finden, sondern uns selbst gelegentlich fragen, welche Vorstellungen wir eigentlich ungeprüft übernommen haben.
Wir müssen keine perfekten Eltern sein
Bei all diesen Überlegungen könnte man beinahe das Gefühl bekommen, dass man als Mutter oder Vater am besten überhaupt nichts mehr sagt, um bloß keinen Fehler zu machen.
Das wäre natürlich eine ausgesprochen praktische Erziehungsstrategie. Besonders bei der abendlichen Diskussion darüber, warum man nach dem Zähneputzen nicht noch drei Kekse essen sollte. Aber darum geht es nicht.
Eltern sind Menschen. Sie haben eigene Sorgen, Verpflichtungen und manchmal schlicht keine Nerven mehr. Wir werden ungerecht reagieren, etwas falsch einschätzen oder einen Ton anschlagen, der uns hinterher selbst nicht gefällt.
Viel entscheidender ist doch, wie wir anschließend damit umgehen. Eine ehrliche Entschuldigung wie „Vorhin war ich zu streng“ oder „Es tut mir leid, dass ich dich angeschrien habe“ nimmt uns nicht unsere Autorität. Sie zeigt unseren Kindern, dass auch Erwachsene Fehler machen und Verantwortung für ihr Verhalten übernehmen können.
Und bei all unserer Verantwortung dürfen wir eines nicht vergessen: Kindheit soll auch Spaß machen. Kinder dürfen neugierig sein, Quatsch machen, laut lachen und die Welt entdecken. Wir müssen nicht jede Situation bewerten oder zu einer pädagogischen Lektion erklären. Manchmal dürfen wir einfach mitlachen und Fünfe gerade sein lassen.
Vielleicht geht es bei der Begleitung unserer Kinder weniger darum, alles richtig zu machen, als darum, immer wieder offen hinzuschauen. Mit Verständnis für unsere Kinder und durchaus auch für uns selbst.
Denn unsere Kinder sind nicht auf der Welt, um eine bessere Version von uns zu werden. Sie dürfen ihre eigene Persönlichkeit entwickeln, andere Interessen haben und Entscheidungen treffen, die wir vielleicht nicht immer nachvollziehen können.
Und wie schön wäre es, wenn sie eines Tages mit dem Gefühl ins Leben gehen, dass sie sich etwas zutrauen dürfen, ihre Wünsche ernst genommen werden und sie nicht erst jemand anderes werden müssen, um richtig zu sein?
Vielleicht lernen wir dabei sogar selbst noch einmal, ein bisschen größer zu träumen.
Stay wonderful!
Deine Anne
Wichtiger Hinweis
Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.
![Life compas[sion] logo](https://assets.zyrosite.com/cdn-cgi/image/format=auto,w=768,fit=crop/mv0jDpXn7ZCVk8QJ/schwarz-modern-minimalistisch-kalligraphie-logo-Aq2W13EEQKTeLqpq.png)