Gefühle verstehen: Was sie dir sagen wollen und was nicht

Gefühle sind Hinweise, keine Urteile. Erfahre, wie du zwischen Gefühl und Bedeutung unterscheidest, dir mit Mitgefühl begegnest und neugierig wirst.

Gefühle sind da, um gefühlt zu werden. Aber was wollen sie uns eigentlich sagen?

Kennst du das, wenn du ein Gefühl hast, das du gar nicht so richtig greifen kannst? Irgendetwas fühlt sich komisch an, du bist traurig, unzufrieden, ängstlich oder gereizt und kannst gar nicht genau sagen, warum. Manchmal wissen wir ganz genau, woher ein Gefühl kommt. Manchmal ist es diffus, und manchmal entsteht es aus Gedanken über etwas, das noch gar nicht passiert ist.

Was machen wir eigentlich mit all diesen Gefühlen? Lassen wir sie zu? Drücken wir sie weg? Lenken wir uns ab? Oder beschäftigen wir uns so intensiv damit, dass wir irgendwann gar nicht mehr aus unseren Gedanken herauskommen?

Ich finde, wir dürfen Gefühle viel häufiger als das betrachten, was sie sind: Hinweise. Sie zeigen uns, dass etwas in uns passiert, dass uns etwas wichtig ist, dass ein Bedürfnis möglicherweise nicht erfüllt wird oder dass eine alte Erfahrung gerade wieder berührt wurde.

Gefühle sind da, um gefühlt zu werden. Aber nicht jedes Gefühl erzählt uns automatisch die ganze Wahrheit.

Wenn sich eine Verbindung unausgewogen anfühlt

Nehmen wir einmal eine Freundschaft, eine Partnerschaft oder auch eine berufliche Verbindung. Du hast immer wieder das Gefühl, dass etwas unausgewogen ist. Du investierst viel, bist aufmerksam, meldest dich, kümmerst dich, und irgendwann merkst du, dass du dich damit nicht mehr wohlfühlst.

Dieses Gefühl darf da sein. Und wenn es immer wieder auftaucht, lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Was genau fühlt sich unausgewogen an? Was wünsche ich mir eigentlich von dieser Verbindung? Habe ich meine Bedürfnisse überhaupt ausgesprochen? Und passt diese Verbindung noch zu mir?

Dabei geht es nicht darum, aufgrund eines unangenehmen Gefühls sofort eine Freundschaft zu beenden, den Job zu kündigen oder eine Beziehung infrage zu stellen. Es geht darum, ernst zu nehmen, was sich in uns zeigt, und herauszufinden, was tatsächlich dahintersteckt.

Denn manchmal nehmen wir etwas wahr, das wirklich nicht mehr zu uns passt. Manchmal reagieren wir aber auch auf Erfahrungen, die wir irgendwann einmal gemacht haben und deren Bedeutung wir unbewusst auf die heutige Situation übertragen.

Ein Mensch meldet sich nicht, und plötzlich fühlen wir uns unwichtig. Aber bedeutet sein Schweigen tatsächlich, dass wir ihm unwichtig sind? Oder kennen wir dieses Gefühl bereits aus anderen Situationen und verbinden damit eine ganz bestimmte Geschichte über uns selbst?

Das Gefühl ist echt. Die Schlussfolgerung, die wir daraus ziehen, muss es nicht sein.

Wenn wir gegen uns selbst kämpfen

Besonders deutlich wird das für mich beim Thema Essen und Abnehmen. Wie viele Menschen haben schon eine Diät nach der anderen gemacht, sich Regeln auferlegt, Kalorien gezählt, auf bestimmte Lebensmittel verzichtet und sich fest vorgenommen, dass diesmal alles anders wird?

Und dann kommt irgendwann der Moment, in dem sie wieder mehr essen, als sie eigentlich wollten. Was passiert anschließend häufig? Sie beschimpfen sich selbst, sind enttäuscht, fühlen sich schwach, undiszipliniert oder unfähig. Sie reden mit sich auf eine Weise, wie sie wahrscheinlich niemals mit einem Menschen reden würden, den sie lieben.

Aber was wäre, wenn wir an dieser Stelle einmal ganz anders hinschauen würden?

Warum esse ich eigentlich mehr, als mir guttut? Was gibt mir das Essen in diesem Moment? Was versuche ich damit auszugleichen, zu beruhigen oder vielleicht auch nicht fühlen zu müssen?

Denn unser Verhalten entsteht nicht immer einfach nur aus mangelnder Disziplin. Häufig haben wir im Laufe unseres Lebens Strategien entwickelt, die uns irgendwann einmal geholfen haben. Essen kann beispielsweise Trost, Sicherheit, Ablenkung oder Entspannung bedeuten. Es kann eine Möglichkeit geworden sein, mit Gefühlen umzugehen, für die wir früher keinen anderen Weg kannten.

Dahinter können Erfahrungen, Verletzungen, Glaubenssätze und Bedürfnisse liegen, die uns heute gar nicht mehr bewusst sind.

Und jetzt versuchen wir, mit der nächsten Diät ein Verhalten zu verändern, das möglicherweise seit vielen Jahren eine wichtige Funktion für uns erfüllt. Wir bekämpfen die sichtbare Gewohnheit, ohne zu verstehen, warum sie überhaupt entstanden ist.

Wie soll das langfristig funktionieren, wenn wir die eigentliche Ursache gar nicht anschauen?

Was würde passieren, wenn wir uns anstelle der nächsten Selbstverurteilung einmal mit Mitgefühl begegnen würden? Wenn wir aufhören, uns für unser Verhalten zu hassen, und anfangen, es verstehen zu wollen?

Das bedeutet nicht, dass wir jedes Verhalten gutheißen oder nichts mehr verändern müssen. Aber Veränderung darf auch aus Verständnis entstehen und muss nicht immer mit Druck, Verboten und Selbstbestrafung beginnen.

Nicht jedes Gefühl braucht sofort eine Handlung

Angst ist dafür ein gutes Beispiel. Sie kann uns auf eine tatsächliche Gefahr aufmerksam machen. Sie kann aber auch entstehen, weil wir uns ausmalen, was morgen, nächste Woche oder in einem Jahr passieren könnte.

Wir haben Angst, dass wir den Job nicht bekommen, dass uns jemand verlässt, dass wir scheitern oder dass etwas nicht so läuft, wie wir es uns wünschen. Und obwohl noch gar nichts passiert ist, erleben wir die dazugehörigen Gefühle manchmal schon heute. Unsere Gedanken entwerfen ein mögliches Zukunftsszenario, und unser Körper reagiert darauf.

Genau deshalb finde ich es wichtig, zwischen einem Gefühl und seiner Bedeutung zu unterscheiden. Nur weil ich Angst habe, bedeutet das nicht, dass tatsächlich etwas Schlimmes passieren wird. Nur weil ich mich abgelehnt fühle, bedeutet das nicht, dass mich jemand ablehnt. Und nur weil ich mich gerade unfähig fühle, bin ich es noch lange nicht.

Wir dürfen uns fragen:

  • Was ist tatsächlich passiert?

  • Was denke ich darüber?

  • Welche Bedeutung gebe ich dieser Situation?

  • Und was davon weiß ich wirklich?

Manchmal erkennen wir dabei einen konkreten Handlungsbedarf. Manchmal stellen wir fest, dass wir gerade versuchen, etwas zu kontrollieren, das überhaupt noch nicht eingetreten ist. Und manchmal braucht ein Gefühl auch gar keine sofortige Lösung. Es möchte einfach wahrgenommen werden.

Wir müssen nicht jedem Gefühl die Führung überlassen, um es ernst zu nehmen. Und wir müssen es auch nicht wegdrücken, nur weil es unangenehm ist.

Und was ist eigentlich mit den schönen Gefühlen?

Bei all dem Nachdenken über Ängste, Traurigkeit, Wut und Enttäuschung vergessen wir manchmal, dass Gefühle natürlich noch viel mehr sind: Freude, Liebe, Begeisterung, Dankbarkeit, Lebenslust, Neugier, Zufriedenheit oder dieses wunderbare Gefühl, wenn wir etwas tun, das uns vollkommen erfüllt.

Auch diese Gefühle geben uns Hinweise. Sie zeigen uns, was uns guttut, was uns wichtig ist, wo wir uns lebendig fühlen und was wir gerne häufiger in unserem Leben hätten.

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig frei gefühlt? Wann warst du begeistert, stolz auf dich oder einfach zufrieden mit dem, was gerade ist? Was hast du in diesem Moment gemacht? Mit welchen Menschen warst du zusammen? Und was war vielleicht anders als sonst?

Wir sind häufig sehr geübt darin, herauszufinden, was uns fehlt oder was nicht funktioniert. Dabei können wir genauso viel darüber lernen, was bereits gut ist und was wir davon mehr in unserem Leben haben möchten.

Was wäre, wenn wir unseren Gefühlen neugieriger begegnen würden?

Ich glaube, wir müssen nicht jedes Gefühl bis ins kleinste Detail analysieren. Aber wir dürfen neugierig werden, besonders dann, wenn bestimmte Gefühle immer wieder auftauchen.

  • Was fühle ich eigentlich gerade?

  • Was könnte dieses Gefühl ausgelöst haben?

  • Welche Gedanken und Überzeugungen spielen dabei eine Rolle?

  • Kenne ich dieses Gefühl aus früheren Situationen?

  • Wie bin ich bisher damit umgegangen?

  • Und was brauche ich gerade wirklich?

Auch die Frage, wie ich mich eigentlich fühlen möchte, finde ich spannend. Nicht, weil wir unangenehme Gefühle einfach gegen schöne austauschen könnten, sondern weil sie uns etwas über unsere Bedürfnisse und Wünsche verraten kann.

Wenn ich mich beispielsweise immer wieder überfordert fühle, wünsche ich mir möglicherweise mehr Ruhe, Freiraum oder Unterstützung. Wenn ich häufig enttäuscht bin, lohnt sich ein Blick auf meine Erwartungen. Wenn ich mich in einer Verbindung dauerhaft nicht gesehen fühle, darf ich prüfen, ob meine Bedürfnisse dort überhaupt Platz haben. Und wenn ich mich immer wieder selbst abwerte, darf ich mich fragen, wann ich eigentlich angefangen habe, so über mich zu denken.

Es geht nicht darum, für jedes Gefühl eine Erklärung zu finden oder ständig an sich arbeiten zu müssen. Manchmal dürfen wir auch einfach traurig sein, wütend sein, enttäuscht sein oder einen schlechten Tag haben, ohne daraus gleich ein neues Projekt zu machen. Genauso dürfen wir Freude genießen, ohne sie zu hinterfragen, und glücklich sein, ohne sofort darüber nachzudenken, wie lange dieses Gefühl wohl anhalten wird.

Zum Schluss

Gefühle sind weder unsere Gegner, noch müssen sie unsere Entscheidungen bestimmen. Sie sind ein Teil von uns und können uns helfen, uns selbst besser zu verstehen.

Vielleicht liegt genau darin der Unterschied: ob wir uns von unseren Gefühlen beherrschen lassen, sie ständig bekämpfen oder anfangen, ihnen zuzuhören.

Denn manchmal zeigt uns ein Gefühl, dass wir etwas verändern dürfen. Manchmal erinnert es uns an eine alte Verletzung. Und manchmal zeigt es uns einfach, wie schön das Leben gerade ist.

Wir dürfen alles davon fühlen. Und trotzdem selbst entscheiden, was wir daraus machen.

Stay wonderful!

Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.