Entscheidungen treffen: Wann Handeln wirklich sinnvoll ist

Warum fällt es uns so schwer, Ungewissheit auszuhalten? Über den Drang, alles sofort klären zu wollen, bewusste Entscheidungen und die Kunst, auch mal abzuwarten.

Bauchgefühl oder Sicherheitsbedürfnis? Warum wir nicht alles sofort klären müssen

Es gibt Situationen, in denen wir eigentlich noch gar nicht wissen, was los ist, aber trotzdem schon dringend etwas unternehmen möchten. Eine berufliche Entscheidung steht aus, ein Gespräch hat nicht die erhoffte Klarheit gebracht oder ein Vorhaben entwickelt sich anders als geplant. Und während die Dinge ihren Lauf nehmen, sitzt unser Verstand bereits am Konferenztisch und berät über mögliche Gegenmaßnahmen.

Sollten wir noch einmal nachfragen? Lieber selbst die Initiative ergreifen? Einen Plan B entwickeln? Oder vorsichtshalber gleich das ganze Vorhaben infrage stellen?

Das Interessante daran ist, dass wir häufig gar keine neuen Informationen haben. Wir wissen heute genauso wenig wie gestern. Nur hat unser Kopf inzwischen ungefähr siebzehn Szenarien durchgespielt und möchte nun endlich eine Entscheidung präsentieren.

Hauptsache, irgendetwas passiert.

Dabei wäre manchmal eine ganz andere Frage angebracht: Muss ich gerade wirklich etwas tun oder halte ich es einfach nicht aus, dass ich noch nicht weiß, wie es weitergeht?

Wenn der Verstand die Geschäftsführung übernimmt

Wir Menschen mögen Sicherheit. Wir planen Urlaube, schließen Versicherungen ab, vergleichen Angebote und möchten bei wichtigen Entscheidungen möglichst genau wissen, worauf wir uns einlassen. Das ist grundsätzlich vernünftig. Niemand muss schließlich aus purer Abenteuerlust einen Gebrauchtwagen kaufen, ohne vorher einmal unter die Motorhaube geschaut zu haben.

Nur lässt sich eben nicht alles im Leben im Voraus überprüfen.

Nehmen wir an, du hast dich auf eine interessante Stelle beworben. Das Gespräch lief gut, die Aufgaben klingen spannend und du könntest dir vorstellen, dort zu arbeiten. Man hat dir zugesagt, sich innerhalb der nächsten Woche zu melden.

Am dritten Tag wirst du unruhig.

War das Gespräch wirklich so gut? Hättest du die Gehaltsfrage anders beantworten sollen? Warum ist die Stelle eigentlich noch online? Und wäre es nicht sinnvoll, vorsichtshalber eine E-Mail hinterherzuschicken?

Natürlich kann Nachfragen angebracht sein. Aber am dritten Tag einer vereinbarten Wartezeit hat sich die Situation objektiv noch gar nicht verändert.

Was sich verändert hat, ist deine Bereitschaft, sie einfach mal offen zu lassen.

Und genau da wird es interessant. Denn wir verwechseln Aktivität gelegentlich mit Einfluss. Solange wir etwas organisieren, recherchieren oder besprechen, haben wir zumindest das Gefühl, die Sache voranzubringen.

Dass wir dabei manchmal nur unsere eigene Ungeduld beschäftigen, übersehen wir großzügig.

Was sagt eigentlich dein Bauch dazu?

Besonders knifflig wird es, wenn wir versuchen, zwischen Intuition und Sicherheitsbedürfnis zu unterscheiden.

Wir kennen schließlich alle diesen gut gemeinten Rat: „Hör einfach auf dein Bauchgefühl!“

Wunderbar. Wenn der Bauch sich dann bitte auch einmal klar und verständlich äußern könnte, statt gemeinsam mit dem Verstand eine lebhafte Podiumsdiskussion zu veranstalten.

Denn nicht jede spontane Eingebung ist automatisch eine verlässliche Entscheidungshilfe. Manchmal nehmen wir tatsächlich etwas wahr, das wir noch nicht genau benennen können. Vielleicht passt ein Angebot nicht zu unseren Vorstellungen, obwohl auf dem Papier alles hervorragend aussieht. Vielleicht stimmt bei einer Zusammenarbeit die Chemie nicht oder wir bemerken Unstimmigkeiten, die uns nachdenklich machen.

Es kann aber auch sein, dass uns eine Situation schlicht ungewohnt ist.

Ein neuer Verantwortungsbereich, ein öffentlicher Auftritt oder die Aussicht, etwas zum ersten Mal allein zu machen, kann ordentlich Respekt auslösen. Das muss noch lange nicht bedeuten, dass wir die Finger davon lassen sollten.

Deshalb finde ich die pauschale Aufforderung, immer auf den Bauch zu hören, etwas schwierig. Schließlich kann auch der Bauch gelegentlich ziemlich konservativ sein.

Vielleicht wäre es hilfreicher, nicht sofort nach der richtigen Entscheidung zu suchen, sondern zunächst herauszufinden, was uns eigentlich antreibt.

Möchte ich diese Möglichkeit wirklich nutzen? Passt sie zu meinen Vorstellungen? Oder möchte ich hauptsächlich verhindern, dass etwas Unangenehmes passiert?

Das sind Fragen, die zu erstaunlich unterschiedlichen Antworten führen können.

Mut sieht nicht immer besonders spektakulär aus

Wir haben inzwischen eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie mutige Menschen sich verhalten. Sie treffen Entscheidungen, verlassen ihre Komfortzone, gehen Risiken ein und nehmen ihr Leben beherzt in die Hand.

Klingt hervorragend. Vor allem als Motivationsspruch auf einer Kaffeetasse.

Im wirklichen Leben ist die Sache allerdings etwas differenzierter.

Manchmal ist es mutig, sich auf eine Stelle zu bewerben, obwohl man nicht sämtliche Anforderungen erfüllt. Manchmal besteht Mut darin, ein schwieriges Gespräch zu führen oder einen Vorschlag zu machen, bei dem wir nicht wissen, wie er aufgenommen wird.

Es kann aber genauso mutig sein, eine Entscheidung noch nicht zu treffen.

Etwa wenn wir uns bei einem Angebot unter Druck gesetzt fühlen und um Bedenkzeit bitten. Wenn wir eine Einladung ablehnen, obwohl andere unsere Begeisterung bereits fest eingeplant haben. Oder wenn wir ein Projekt nicht weiter vorantreiben, nur weil wir schon so viel Energie hineingesteckt haben.

Von außen sieht das möglicherweise wenig entschlossen aus. Tatsächlich kann es eine ausgesprochen bewusste Entscheidung sein.

Umgekehrt ist nicht jede spontane Handlung automatisch ein Zeichen von Selbstbestimmung. Wer aus Angst, eine Gelegenheit zu verpassen, vorschnell zusagt, hat zwar gehandelt, aber möglicherweise nicht besonders frei entschieden.

Es kommt also weniger darauf an, wie entschlossen eine Handlung aussieht, sondern darauf, ob sie wirklich zu dem passt, was wir möchten.

Die Sache mit dem Nichtwissen

Das vermutlich Unangenehmste an offenen Situationen ist, dass sie sich nicht immer durch eine weitere Handlung lösen lassen.

Wir können uns sorgfältig auf ein Gespräch vorbereiten, aber nicht bestimmen, wie unser Gegenüber reagiert. Wir können ein neues Projekt durchdenken, ohne vorher zu wissen, ob es erfolgreich wird. Und wir können eine Entscheidung nach bestem Wissen treffen, ohne eine Garantie für ihren Ausgang zu bekommen.

Natürlich sollten wir uns informieren, Verantwortung übernehmen und dort aktiv werden, wo wir tatsächlich etwas beeinflussen können.

Aber irgendwann ist der Punkt erreicht, an dem wir unseren Teil getan haben.

Danach noch drei weitere Meinungen einzuholen, dieselbe Situation zum zwölften Mal zu analysieren oder sämtliche denkbaren Eventualitäten durchzurechnen, bringt uns nicht zwangsläufig weiter.

Manchmal verlängern wir damit lediglich die Zeit, in der wir uns mit einer Entscheidung beschäftigen.

Und gelegentlich ist das sogar ausgesprochen bequem. Solange wir noch recherchieren, müssen wir uns schließlich weder festlegen noch mit einem möglichen Ergebnis auseinandersetzen.

Das soll jetzt kein Plädoyer für Leichtsinn werden. Wer eine größere Investition plant, sollte selbstverständlich seine Zahlen kennen. Aber wenn die Zahlen längst auf dem Tisch liegen, wird die Entscheidung nicht unbedingt besser, nur weil wir sie noch vierzehnmal betrachten.

Irgendwann müssen wir akzeptieren, dass zum Leben ein gewisses Maß an Ungewissheit gehört.

Vielleicht müssen wir gar nichts beweisen

Eine weitere interessante Frage ist, wem wir mit unseren Entscheidungen eigentlich etwas beweisen möchten.

Uns selbst? Unserem Umfeld? Oder einer ziemlich hartnäckigen Vorstellung davon, wie ein entschlossener Mensch sich zu verhalten hat?

Wir leben in einer Zeit, in der Eigeninitiative, Veränderungsbereitschaft und persönliches Wachstum einen hohen Stellenwert haben. Wer etwas wagt, gilt als mutig. Wer abwartet, muss sich schnell erklären. Und wer eine Gelegenheit ausschlägt, bekommt womöglich zu hören, dass man eben auch mal über seinen Schatten springen müsse.

Dabei ist nicht jede Herausforderung automatisch sinnvoll, nur weil sie uns Überwindung kostet.

Wenn ich Höhenangst habe, muss ich nicht unbedingt Bungeejumping machen, um mir zu beweisen, dass ich mutig bin. Möglicherweise möchte ich einfach nicht kopfüber an einem Gummiseil hängen. Auch eine durchaus legitime Lebensentscheidung.

Wir dürfen deshalb ruhig unterscheiden, ob uns eine Möglichkeit wirklich reizt oder ob wir uns hauptsächlich unter Druck setzen, weil wir glauben, etwas tun zu müssen.

Das gilt übrigens auch für das Gegenteil. Wer eine spannende Chance grundsätzlich ausschlägt, weil sie außerhalb des Gewohnten liegt, könnte sich fragen, ob die Entscheidung tatsächlich seinen Wünschen entspricht.

Manchmal lohnt sich ein zweiter Blick. Aber nicht jede Entscheidung muss anschließend zur persönlichen Mutprobe erklärt werden.

Und wenn es anders kommt?

Vielleicht besteht ein ziemlich unterschätzter Teil von Selbstvertrauen darin, nicht für jede Situation schon vorher die passende Antwort haben zu müssen.

Wir können uns vorbereiten, unsere Wünsche ernst nehmen und Entscheidungen treffen, die uns zum jeweiligen Zeitpunkt sinnvoll erscheinen. Was anschließend passiert, bleibt trotzdem nicht vollständig in unserer Hand.

Das bedeutet auch, dass ein unerwartetes Ergebnis unsere Entscheidung nicht automatisch falsch macht.

Ein neuer Job kann sich anders entwickeln als erhofft. Eine Zusammenarbeit kann trotz guter Voraussetzungen scheitern. Und ein Vorhaben, das wir lange geplant haben, kann unterwegs eine völlig neue Richtung nehmen.

Hinterher lässt sich leicht behaupten, wir hätten es besser wissen müssen. Schließlich kennen wir dann den Ausgang.

Zum Zeitpunkt der Entscheidung hatten wir dieses Wissen allerdings noch nicht.

Vielleicht könnten wir deshalb etwas großzügiger mit uns umgehen, wenn nicht alles nach Plan verläuft. Wir müssen nicht aus jeder Abweichung gleich eine Grundsatzdiskussion über unsere Menschenkenntnis, unsere Intuition oder unsere Entscheidungsfähigkeit machen.

Manchmal haben wir etwas sorgfältig abgewogen und trotzdem eine Erfahrung gemacht, mit der wir nicht gerechnet hatten.

Das ist ärgerlich, interessant oder im besten Fall sogar erfreulich. Vor allem aber ist es kein Beweis dafür, dass wir künftig alles noch gründlicher kontrollieren müssen.

Nicht jede Unsicherheit braucht eine Sofortmaßnahme

Ich glaube, wir könnten uns im Alltag eine Menge unnötiger Gedankenschleifen ersparen, wenn wir nicht jede offene Frage sofort beantworten wollten.

Natürlich gibt es Situationen, in denen wir handeln sollten. Rechnungen bezahlen sich nicht von allein, Konflikte verschwinden selten durch konsequentes Ignorieren und manche Entscheidungen werden tatsächlich schwieriger, je länger wir sie aufschieben.

Aber es gibt eben auch die anderen Momente. Die, in denen noch Informationen fehlen, eine Entwicklung Zeit braucht oder wir schlicht noch nicht wissen können, was als Nächstes passiert.

Dann müssen wir weder hektisch aktiv werden noch uns demonstrativ in Gelassenheit üben.

Wir dürfen einfach feststellen, dass die Sache gerade offen ist.

Vielleicht ist genau das manchmal die größere Herausforderung: eine Situation nicht sofort lösen zu wollen, nur damit unser Kopf endlich Ruhe gibt.

Denn wir müssen nicht ständig etwas unternehmen, um unser Leben selbstbestimmt zu gestalten. Manchmal zeigt sich Selbstbestimmung gerade darin, dass wir entscheiden, etwas vorerst nicht zu tun.

Und falls unser Verstand deshalb wieder eine außerordentliche Krisensitzung einberufen möchte, können wir ihm ja freundlich mitteilen, dass heute leider keine neuen Tagesordnungspunkte vorliegen.

Stay wonderful!
Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.