Dankbarkeit im Alltag: Warum unser Fokus so viel verändert

Warum bleibt uns ein blöder Moment stärker im Kopf als zehn schöne? Wie selektive Wahrnehmung unseren Alltag prägt und wir wieder mehr Grund zur Dankbarkeit entdecken.

Und was ist mit dem, was schon da ist?

Manchmal ist es wirklich erstaunlich, wie wir Menschen ticken. Wir haben einen richtig schönen Tag, treffen eine Freundin, lachen viel, genießen die Sonne, erledigen ein paar Dinge, die schon ewig auf unserer Liste stehen, und bekommen sogar das Paket pünktlich geliefert, auf das wir gewartet haben. Alles läuft. Die Welt ist in Ordnung.

Dann bleibt eine WhatsApp-Nachricht unbeantwortet.

Und zack! Plötzlich ist aus dem schönen Tag ein irgendwie blöder geworden. Wir schauen aufs Handy, überlegen, warum sich jemand nicht meldet, und vergessen dabei beinahe, wie viel an diesem Tag eigentlich gut war.

Es ist schon eine besondere Begabung, aus zehn schönen Erlebnissen und einer einzigen Enttäuschung ausgerechnet Letztere zur Hauptattraktion zu machen.

Warum sehen wir eigentlich so oft das, was fehlt?

Unser Gehirn schenkt negativen Ereignissen häufig mehr Aufmerksamkeit als positiven. Das hat durchaus seinen Sinn, schließlich war es für unsere Vorfahren wichtiger, eine mögliche Gefahr zu erkennen, als sich ausführlich über den hübschen Sonnenuntergang zu freuen.

Heute sind unsere Probleme meistens etwas anders gelagert. Da ist die unfreundliche Kassiererin, der hupende Autofahrer oder jemand, der uns im Supermarkt mit seinem Einkaufswagen in die Hacken fährt. Alles nicht besonders erfreulich. Aber warum beschäftigen uns solche Kleinigkeiten manchmal länger als die schönen Begegnungen, die wir am selben Tag hatten?

Besonders interessant wird es, wenn wir erst einmal in dieser negativen Betrachtungsweise angekommen sind. Dann scheint plötzlich alles irgendwie nervig zu sein. Die Menschen sind unfreundlich, im Straßenverkehr nimmt keiner mehr Rücksicht und überhaupt läuft gerade erstaunlich viel schief.

Dabei hat sich unsere Umgebung nicht unbedingt verändert. Wir achten nur verstärkt auf das, was zu unserer momentanen Einschätzung passt.

Das nennt man selektive Wahrnehmung. Ein schönes Beispiel ist der Wunsch nach einem bestimmten Auto. Kaum interessierst du dich für ein Modell, begegnet es dir gefühlt an jeder zweiten Ampel. Vorher hast du es kaum bemerkt. Seit du dich damit beschäftigst, scheint plötzlich die halbe Stadt damit unterwegs zu sein.

Ähnlich funktioniert es mit unserer Aufmerksamkeit im Alltag. Wer ständig nach dem sucht, was nicht stimmt, wird dafür ziemlich zuverlässig neue Beispiele entdecken. Und wer bewusster auf angenehme Begegnungen, kleine Erfolge und schöne Momente achtet, bemerkt auch davon mehr.

Aus einer Kleinigkeit wird plötzlich eine Lebensbilanz

Manchmal bleibt es allerdings nicht bei dem einen Ärgernis. Aus der unbeantworteten Nachricht wird schnell die Frage, warum eigentlich immer alles so kompliziert sein muss. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir beruflich längst weiter sein, finanziell dürfte es entspannter aussehen und die Traumwohnung haben wir schließlich auch noch nicht gefunden.

Herzlichen Glückwunsch. Wir wollten eigentlich nur kurz aufs Handy schauen und haben innerhalb weniger Minuten unser gesamtes Leben zur Großbaustelle erklärt.

Dabei übersehen wir leicht, wie viel von dem, was wir uns früher einmal gewünscht haben, inzwischen längst zu unserem Alltag gehört. Dinge, über die wir uns anfangs riesig gefreut haben, werden mit der Zeit selbstverständlich. Kaum haben wir ein Ziel erreicht, steht schon das nächste auf der Wunschliste.

Dagegen spricht überhaupt nichts. Wir dürfen ehrgeizig sein, uns weiterentwickeln und große Pläne haben. Nur wäre es doch schade, wenn wir vor lauter Zukunftsplänen gar nicht mehr mitbekommen, was wir bereits erreicht haben.

Denn Dankbarkeit bedeutet nicht, dass wir keine Wünsche mehr haben dürfen. Sie bedeutet, das Vorhandene nicht ständig gegen das Fehlende aufzurechnen.

Dankbarkeit ersetzt keinen gesunden Menschenverstand

Natürlich geht es hier nicht darum, sich alles schönzureden. Wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, hilft es wenig, dankbar festzustellen, dass er immerhin pünktlich ist. Dann wäre es vermutlich sinnvoller, sich um die offenen Rechnungen zu kümmern.

Es gibt Dinge, die wir ernst nehmen, klären oder verändern müssen. Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen bedeutet schließlich auch, Probleme anzupacken, statt darauf zu hoffen, dass sie sich durch ausreichend gute Laune von selbst erledigen.

Aber wir können unterscheiden, was tatsächlich unsere Aufmerksamkeit und unser Handeln erfordert und was wir unnötig lange mit uns herumschleppen.

Der unfreundliche Kommentar an der Supermarktkasse muss nicht noch beim Abendessen Thema sein. Der Autofahrer, der uns angehupt hat, wird vermutlich längst zu Hause auf dem Sofa sitzen, während wir uns gedanklich immer noch über ihn aufregen.

Und genau da liegt ein Stück Selbstwirksamkeit. Wir können nicht bestimmen, wie sich andere Menschen verhalten oder ob jeder Tag reibungslos verläuft. Aber wir haben Einfluss darauf, womit wir uns anschließend beschäftigen und welchen Ereignissen wir besonders viel Raum geben.

Manchmal dürfen wir uns also ruhig fragen: War das wirklich ein schlechter Tag? Oder habe ich einem einzigen blöden Moment gerade die komplette Tageswertung überlassen?

Drei Murmeln für einen anderen Blick

Das Schöne ist, dass wir unsere Aufmerksamkeit auch ein bisschen trainieren können. Dafür brauchen wir weder eine aufwendige Morgenroutine noch ein ausgeklügeltes Dankbarkeitsritual. Es reicht schon, sich abends drei Dinge in Erinnerung zu rufen, über die wir uns tagsüber gefreut haben. Wer gerne schreibt, kann sie in einem kleinen Journal festhalten. Das können ganz unspektakuläre Erlebnisse sein: ein nettes Gespräch, ein unerwartetes Kompliment oder einfach die Freude darüber, dass etwas geklappt hat.

Eine andere Idee finde ich besonders charmant: Du steckst dir morgens drei kleine Murmeln in eine Hosentasche. Immer wenn du etwas Schönes erlebst, wandert eine Murmel in die andere Tasche. Abends, wenn du die Hose ausziehst, nimmst du die Murmeln noch einmal in die Hand und erinnerst dich an die entsprechenden Momente.

Natürlich brauchst du dafür keine Murmeln. Kleine Steinchen tun es auch. Hauptsache, du wirfst sie nicht versehentlich mit in die Waschmaschine.

Der eigentliche Effekt liegt darin, dass du schon tagsüber aufmerksamer wirst. Du hältst Ausschau nach Dingen, über die du dich freuen kannst, statt erst am Abend festzustellen, dass du dich hauptsächlich mit dem beschäftigt hast, was nicht funktioniert hat.

Und irgendwann fällt dir womöglich auf, wie viele schöne Kleinigkeiten du bisher einfach übersehen hast.

Das Gute darf ruhig mehr Platz bekommen

Wir müssen nicht jeden Tag großartig finden. Es wird weiterhin Ärgernisse geben, unerfüllte Wünsche und Situationen, in denen wir etwas verändern möchten. Das gehört zum Leben.

Aber zwischen einem Leben, in dem nicht alles perfekt läuft, und einem Leben, in dem angeblich ständig alles schiefläuft, liegt manchmal vor allem die Art, wie wir darauf schauen.

Wir selbst können entscheiden, ob wir unseren Blick immer wieder auf den nächsten Mangel richten oder auch wahrnehmen, was längst gut ist. Ob wir einem unfreundlichen Menschen gedanklich noch stundenlang hinterherlaufen oder unsere Aufmerksamkeit lieber den Begegnungen schenken, die uns tatsächlich Freude gemacht haben.

Vielleicht ist Dankbarkeit deshalb weniger eine große Lebensphilosophie als eine ziemlich alltagstaugliche Entscheidung: dem Schönen mindestens genauso viel Beachtung zu schenken wie dem, was uns gerade nervt.

Und wenn du heute Abend über deinen Tag nachdenkst, fang doch ausnahmsweise mal mit dem an, was richtig gut war.

Du könntest überrascht sein, wie viel da zusammenkommt.

Stay wonderful!

Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.