Alte Verhaltensmuster durchbrechen und neue Wege gehen

Warum landen wir trotz Veränderungswunsch oft wieder am selben Punkt? Über festgefahrene Gewohnheiten, neue Perspektiven und den Mut, Dinge anders anzugehen.

Erwarte das Unerwartete

Manchmal sind wir Menschen schon ein ziemlich kurioses Völkchen. Wir wünschen uns Veränderung, neue Möglichkeiten, andere Erfahrungen und am besten gleich noch eine ordentliche Portion frischen Wind im Leben. Gleichzeitig halten wir an unseren Gewohnheiten fest, als gäbe es dafür am Jahresende Treuepunkte.

Wir wollen beruflich etwas anderes machen, schauen uns aber Stellenanzeigen an, die verdächtig nach unserem bisherigen Job aussehen. Wir wünschen uns mehr Freiraum, sagen aber weiterhin zu allem Ja. Und bei der Partnersuche haben wir angeblich ganz klare Vorstellungen davon, was wir nicht mehr möchten, finden dann aber ausgerechnet den Menschen interessant, bei dem sämtliche Warnlämpchen schon beim ersten Kennenlernen eine kleine Lichtshow veranstalten.

Ein paar Monate später stellen wir fest, dass sich erstaunlich wenig verändert hat.

Na so was. Wie konnte das denn passieren?

Neues wünschen, Altes wiederholen

Natürlich ist das Leben nicht so simpel, dass wir nur unser Verhalten ändern müssten und anschließend automatisch alles nach Plan läuft. Andere Menschen haben schließlich auch noch ein Wörtchen mitzureden, äußere Umstände lassen sich nicht beliebig beeinflussen und manchmal spielt uns der Zufall einen ziemlichen Streich.

Trotzdem lohnt es sich, gelegentlich einen Blick auf die eigene Vorgehensweise zu werfen. Besonders dann, wenn uns bestimmte Situationen über Jahre hinweg in bemerkenswert ähnlicher Ausführung begegnen.

Vielleicht sind es gar nicht immer die falschen Menschen, die uns über den Weg laufen. Vielleicht wählen wir nach Kriterien aus, die wir selbst längst hinterfragen sollten. Vielleicht ist nicht jeder Arbeitgeber grundsätzlich ungeeignet, sondern wir bewerben uns immer wieder auf Tätigkeiten, die uns schon beim letzten Mal nicht erfüllt haben. Und möglicherweise liegt unser chronischer Zeitmangel auch ein kleines bisschen daran, dass wir unsere eigenen Termine behandeln wie unverbindliche Vorschläge, während wir für alle anderen selbstverständlich verfügbar sind.

Das ist keine besonders romantische Erkenntnis. Dafür eine ziemlich nützliche.

Denn solange wir ausschließlich darauf warten, dass sich die Umstände verändern, übersehen wir leicht den Teil, den wir selbst beeinflussen können.

Vielleicht stimmt deine alte Geschichte gar nicht mehr

Wir alle haben im Laufe unseres Lebens bestimmte Vorstellungen davon entwickelt, wie die Dinge funktionieren. Was wir können, was zu uns passt, welche Menschen wir mögen und welche Möglichkeiten für uns überhaupt infrage kommen.

Solche Überzeugungen geben Orientierung. Allerdings haben manche davon ein erstaunlich langes Haltbarkeitsdatum, obwohl sie längst nicht mehr zu unserem heutigen Leben passen.

Da erzählt jemand seit zwanzig Jahren, er sei eben kein kreativer Mensch, weil der Kunstlehrer in der siebten Klasse seine Zeichnungen nicht besonders beeindruckend fand. Ein anderer hält sich für ungeeignet, vor Menschen zu sprechen, weil ein Referat irgendwann einmal gründlich danebenging. Und wieder jemand ist überzeugt, dass eine berufliche Neuorientierung unmöglich sei, weil auf dem Ausbildungszeugnis nun einmal eine bestimmte Berufsbezeichnung steht.

Wir behandeln solche alten Einschätzungen manchmal wie unumstößliche Tatsachen. Dabei sind es häufig Momentaufnahmen aus einer Lebensphase, in der wir weder dieselben Erfahrungen noch dieselben Fähigkeiten hatten wie heute.

Vielleicht wäre es deshalb ganz interessant, die eigene Biografie gelegentlich nicht nur als Begründung für bisherige Entscheidungen zu betrachten, sondern auch als etwas, das sich weiterentwickeln darf.

Nur weil wir etwas bisher auf eine bestimmte Weise gemacht haben, muss daraus schließlich keine lebenslange Verpflichtung entstehen.

Ein Perspektivwechsel kann ziemlich unbequem sein

Besonders spannend wird es, wenn wir anfangen, unsere gewohnten Reaktionen zu hinterfragen. Denn häufig wissen wir ziemlich genau, was uns an anderen Menschen stört, während wir für unseren eigenen Anteil an einer Situation bemerkenswert großzügige Erklärungen finden.

Da ärgern wir uns beispielsweise darüber, dass jemand unsere Grenzen nicht respektiert. Gleichzeitig haben wir bisher nie klar ausgesprochen, wo diese Grenzen überhaupt liegen. Wir beklagen, dass unsere Meinung zu wenig berücksichtigt wird, halten sie aber vorsichtshalber zurück, sobald jemand widersprechen könnte. Oder wir wünschen uns Begegnungen auf Augenhöhe und beschäftigen uns trotzdem hauptsächlich damit, ob wir beim Gegenüber gut ankommen.

Das bedeutet keineswegs, dass wir für das Verhalten anderer verantwortlich wären. Aber es macht einen Unterschied, ob wir eine Situation ausschließlich aus der gewohnten Perspektive betrachten oder uns auch einmal fragen, was wir selbst dazu beitragen.

Nehmen wir die Partnersuche. Statt nach einem Treffen stundenlang darüber zu grübeln, ob der andere uns interessant findet, könnten wir doch einmal überlegen, ob wir diesen Menschen überhaupt interessant finden. Ob wir seinen Humor mögen, seine Art zu kommunizieren oder die Vorstellungen, die er vom Leben hat.

Eine ziemlich naheliegende Überlegung, die im Eifer des Gefechts erstaunlich schnell unter den Tisch fallen kann.

Und manchmal entdecken wir durch solche Fragen, dass wir bisher an der völlig falschen Stelle nach Antworten gesucht haben.

Nicht jede Gewohnheit verdient Bestandsschutz

Das Vertraute hat einen großen Vorteil: Wir kennen uns damit aus. Selbst wenn uns etwas nicht besonders glücklich macht, wissen wir zumindest ungefähr, was uns erwartet.

Deshalb können wir erstaunlich ausdauernd an Situationen festhalten, über die wir uns regelmäßig beschweren. Wir kennen die Abläufe, haben unsere Erklärungen parat und könnten die nächste Enttäuschung vermutlich schon im Voraus in den Kalender eintragen. Irgendwann wird das Ganze beinahe zur Routine.

Dabei muss Veränderung nicht gleich bedeuten, das komplette Leben auf links zu drehen, den Job zu kündigen und mit einem Rucksack nach Bali auszuwandern. Wobei das natürlich auch eine Möglichkeit wäre, sofern man vorher nachgeschaut hat, was ein Flug kostet.

Manchmal beginnt sie damit, auf eine vertraute Situation anders zu reagieren. Eine Frage zu stellen, die wir uns bisher verkniffen haben. Einen Vorschlag nicht sofort abzulehnen, nur weil er ungewöhnlich klingt. Oder eine Einladung anzunehmen, obwohl wir dort niemanden kennen.

Wir könnten auch einfach einmal etwas ausprobieren, das überhaupt nicht zu unserem bisherigen Selbstbild passt.

Vielleicht gefällt es uns nicht. Dann haben wir eine Erfahrung mehr und können uns wieder anderen Dingen widmen. Vielleicht entdecken wir aber auch eine Seite an uns, die bisher wenig Gelegenheit hatte, zum Vorschein zu kommen.

Nicht jede neue Richtung muss gleich die große Offenbarung sein. Manchmal ist ein Experiment einfach ein Experiment. Das nimmt der Sache doch auch ein bisschen den Druck.

Wann ist Beharrlichkeit eigentlich nur noch Sturheit?

Eine andere interessante Angewohnheit besteht darin, dass wir manchmal unbedingt an etwas festhalten wollen, nur weil wir bereits so viel investiert haben.

Zeit, Energie, Hoffnung, Geld. Und natürlich die ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie das Ganze irgendwann aussehen sollte.

Also versuchen wir es noch einmal. Und noch einmal. Wir ändern Kleinigkeiten, suchen neue Argumente und hoffen, dass sich diesmal endlich das gewünschte Ergebnis einstellt.

Dabei könnten wir irgendwann auch auf die Idee kommen, nicht nur unsere Strategie, sondern das Ziel selbst zu hinterfragen.

Wollen wir diesen Job wirklich noch? Passt diese Verbindung überhaupt zu unserem Leben? Macht uns das Projekt noch Freude oder möchten wir inzwischen hauptsächlich beweisen, dass unsere ursprüngliche Entscheidung richtig war?

Das ist ein wichtiger Unterschied.

Denn nicht jede verschlossene Tür ist eine persönliche Herausforderung, die wir mit genügend Ehrgeiz überwinden müssen. Manchmal ist sie schlicht verschlossen. Und während wir noch darüber diskutieren, warum sie sich gefälligst öffnen sollte, übersehen wir womöglich den ganzen Flur.

Beharrlichkeit ist eine wunderbare Eigenschaft. Sie wird nur etwas unpraktisch, wenn wir sie grundsätzlich mit der Weigerung verwechseln, unsere Meinung zu ändern.

Und was wäre, wenn es diesmal anders läuft?

Wir können nicht wissen, welche Begegnungen, Möglichkeiten oder Entwicklungen uns in den nächsten Jahren erwarten. Aber wir können neugierig bleiben, statt jede neue Idee sofort mit unseren bisherigen Erfahrungen abzugleichen und anschließend für unrealistisch zu erklären.

Das bedeutet auch, Menschen nicht ausschließlich nach alten Schubladen zu beurteilen, uns selbst neue Fähigkeiten zuzutrauen und gelegentlich zu akzeptieren, dass wir über bestimmte Dinge heute anders denken als noch vor fünf Jahren.

Das ist schließlich kein Widerspruch, sondern eine ziemlich normale Begleiterscheinung davon, dass wir dazulernen.

Besonders dort, wo wir uns seit Jahren über dieselben Dinge ärgern, könnte ein kleiner Perspektivwechsel deshalb durchaus lohnenswert sein.

Was habe ich bisher immer wieder versucht? Welche Überzeugung steckt dahinter? Und was könnte passieren, wenn ich diesmal etwas anders mache?

Vielleicht stellt sich heraus, dass unsere bisherige Vorgehensweise durchaus sinnvoll war. Vielleicht merken wir aber auch, dass wir seit Jahren auf eine Veränderung warten, während wir selbst zuverlässig dafür sorgen, dass möglichst alles beim Alten bleibt.

Und das wäre doch eine ziemlich interessante Erkenntnis.

Wir müssen unser Leben nicht ständig neu erfinden. Wir dürfen Gewohnheiten mögen, an Bewährtem festhalten und zufrieden sein mit dem, was gut funktioniert.

Aber wenn wir uns etwas anderes wünschen, sollten wir zumindest bereit sein, unsere bisherigen Vorstellungen gelegentlich auf den Prüfstand zu stellen.

Denn das Unerwartete hat es naturgemäß etwas schwer, wenn wir ausschließlich dem Bekannten die Tür öffnen.

Stay wonderful!

Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.