ADHS im Erwachsenenalter: Mehr als eine Diagnose

ADHS zeigt sich nicht bei jedem gleich. Warum eine späte Diagnose vieles erklären kann, ohne die eigene Persönlichkeit oder Identität zu bestimmen.

Du bist nicht deine Diagnose. Auch wenn du eine hast.

„Heute hat doch jeder ADHS.“

Ein Satz, der inzwischen erstaunlich häufig fällt. Meistens begleitet von einem Augenrollen, das ungefähr so viel Begeisterung ausdrückt wie eine Einladung zur Steuerprüfung.

Für die einen ist ADHS im Erwachsenenalter eine Modediagnose. Andere glauben, dass heute viel zu schnell diagnostiziert wird. Gleichzeitig gibt es Menschen, die nach jahrelangen Fragezeichen endlich verstehen möchten, warum ihnen bestimmte Dinge so schwerfallen.

Wer bereits eine entsprechende Diagnose erhalten hat, möchte deshalb noch lange nicht auf ein medizinisches Etikett reduziert werden.

Schon interessant, wie viele Meinungen wir über etwas haben, das wir einem Menschen häufig gar nicht ansehen.

Denn ADHS ist längst nicht immer das Bild vom zappeligen Kind, das im Unterricht nicht still sitzen kann. Auch Erwachsene können betroffen sein, und die Ausprägungen unterscheiden sich erheblich.

Was diese vier Buchstaben allerdings nicht verraten, ist, wer da eigentlich vor uns steht.

Wie normal ist eigentlich dein Normal?

Stell dir vor, du hast am Donnerstag um 14 Uhr einen Termin.

Für manche ist das eine Information, die im Kalender landet. Am Donnerstag stehen sie auf, duschen, fahren los und nehmen den Termin wahr. Fertig.

Bei anderen beginnt die gedankliche Vorbereitung bereits am Montag.

Wann muss ich am Donnerstag aufstehen? Wann gehe ich duschen? Was muss ich vorher erledigen? Schaffe ich noch den Einkauf? Wann sollte ich spätestens los? Und wie organisiere ich den restlichen Tag?

Aus einer halben Stunde beim Arzt wird eine kleine logistische Großveranstaltung. Fehlt eigentlich nur noch die Projektleitung mit Gantt-Diagramm.

Das Verrückte daran: Wer seinen Alltag schon immer so erlebt hat, hält diesen Aufwand möglicherweise für vollkommen normal.

Woher soll man schließlich wissen, dass andere einfach duschen gehen, ohne dafür gedanklich erst ihren halben Tagesablauf durchzuplanen?

Wir kennen nur unseren eigenen Kopf. Einen direkten Vergleich gibt es nicht.

Bei ADHS können unter anderem die Steuerung von Aufmerksamkeit, Handlungsplanung und Aufgabenwechseln besondere Herausforderungen darstellen. Einige Betroffene entwickeln deshalb ausgeklügelte Strategien, um ihren Alltag zuverlässig zu organisieren.

Das führt zu einem interessanten Widerspruch: Jemand kann hervorragend strukturiert sein und trotzdem unglaublich viel Energie dafür benötigen.

Von außen sieht man schließlich nur, dass dieser Mensch pünktlich erscheint. Nicht, dass er gedanklich schon seit Montag im Wartezimmer sitzt.

Wenn das Gehirn seine eigenen Prioritäten setzt

Da gibt es Menschen, die sich stundenlang mit einem Thema beschäftigen können, das sie begeistert. Sie recherchieren, entwickeln Ideen, verlieren jedes Zeitgefühl und merken irgendwann, dass sie seit sechs Stunden weder etwas gegessen noch ihre Sitzposition verändert haben.

Auf dem Schreibtisch liegt allerdings seit drei Wochen die Steuererklärung. Unberührt. Obwohl sie dringend erledigt werden müsste.

Im Zusammenhang mit ADHS wird häufig von Hyperfokus gesprochen, wenn jemand besonders intensiv in einer Tätigkeit aufgeht. Das ist kein eigenständiges Diagnosekriterium und kommt auch bei Menschen ohne ADHS vor. Es veranschaulicht jedoch, weshalb Probleme mit der Aufmerksamkeitssteuerung nicht bedeuten, dass jemand sich grundsätzlich schlecht konzentrieren kann.

Manchmal funktioniert das hervorragend. Nur leider nicht unbedingt dann, wenn das Finanzamt es gerne hätte.

Auch die Suche nach schnellen Belohnungen kann eine Rolle spielen. Eigentlich wollte man nur kurz aufs Handy schauen, eine halbe Stunde später scrollt der Daumen noch immer. Aus einem kleinen Snack wird mehr als geplant, beim Online-Shopping landet plötzlich der nächste Artikel im Warenkorb. Auch die Aufregung beim Dating, sexuelle Reize oder der Konsum von Alkohol und anderen Substanzen können besonders verlockend sein.

Dabei geht es nicht darum, dass Menschen mit ADHS grundsätzlich maßlos wären. Schwierigkeiten mit der Impulskontrolle und der Belohnungsverarbeitung können es jedoch erschweren, bestimmten Reizen zu widerstehen. Für Alkohol- und andere Substanzkonsumstörungen besteht bei ADHS ein erhöhtes Risiko. Bei Verhaltensweisen wie Scrollen, Essen oder Dating bedeutet ein starkes Bedürfnis nach Stimulation dagegen nicht automatisch, dass eine Sucht vorliegt.

Interessant ist der Widerspruch: Während manche Tätigkeiten kaum in Gang kommen, fällt es bei anderen schwer, rechtzeitig aufzuhören.

Auch sonst passt ADHS selten in eine einzige Schublade. Einige Betroffene handeln impulsiv, andere sind eher zurückhaltend. Manche wirken chaotisch, während andere ihren Alltag bis ins kleinste Detail organisieren.

Nach außen kann alles bestens funktionieren, obwohl die ständige Anstrengung dahinter kaum jemand bemerkt.

Wenn das eigene Leben plötzlich einen anderen Zusammenhang bekommt

Wer erst im Erwachsenenalter erfährt, dass ADHS hinter bestimmten Problemen stecken könnte, hat möglicherweise schon viele Jahre damit verbracht, sich selbst zu hinterfragen.

Weshalb schiebe ich Dinge auf, obwohl ich weiß, wie wichtig sie sind? Warum kosten mich alltägliche Aufgaben so viel Kraft? Und wieso scheint anderen manches mühelos zu gelingen, während ich dafür einen halben Schlachtplan brauche?

Aus solchen Erfahrungen entstehen schnell Selbstvorwürfe.

Zu undiszipliniert. Nicht belastbar genug. Irgendwie immer ein bisschen falsch.

Eine fachliche Einordnung kann diesen Blick verändern.

Plötzlich lassen sich Erlebnisse besser verstehen, die vorher keinen richtigen Zusammenhang ergeben haben. Der Mensch ist noch derselbe, aber seine bisherige Geschichte erscheint in einem anderen Licht.

Das kann eine enorme Erleichterung sein.

Es kann allerdings auch Widerstand auslösen. Schließlich möchte nicht jeder, dass seine Persönlichkeit fortan durch eine medizinische Brille betrachtet wird.

Dabei muss niemand seine Vergangenheit komplett neu bewerten. Es reicht manchmal schon, zu erkennen, dass hinter bestimmten Belastungen mehr stecken kann als mangelnde Willenskraft.

Dieses Wissen kann helfen, passende Unterstützung zu finden und mit den eigenen Möglichkeiten bewusster umzugehen.

Zwischen Schublade und Freifahrtschein

Rund um ADHS scheint es gelegentlich nur zwei Lager zu geben.

Auf der einen Seite stehen diejenigen, die inzwischen nahezu jede persönliche Eigenheit damit erklären möchten. Auf der anderen wird Betroffenen unterstellt, sie würden sich auf ihrer Diagnose ausruhen.

Beides greift zu kurz.

Natürlich kann ADHS verschiedene Lebensbereiche beeinflussen. Schlafprobleme, Erschöpfung oder zusätzliche psychische Belastungen können eine Rolle spielen. Auch im Beruf und in Beziehungen kann es Herausforderungen geben.

Aber nicht jeder Jobwechsel, jede Trennung oder jede vergessene Verabredung hat automatisch einen medizinischen Hintergrund.

Menschen haben schließlich auch ganz ohne ADHS die erstaunliche Fähigkeit, komplizierte Entscheidungen zu treffen und gelegentlich ziemlich großen Unsinn zu veranstalten.

Genauso wenig ist die Suche nach einer Erklärung gleichbedeutend mit dem Wunsch, keine Verantwortung mehr übernehmen zu müssen.

Wer seine eigenen Hürden besser versteht, kann gezielter nach Wegen suchen, mit ihnen umzugehen. Das können hilfreiche Routinen, veränderte Arbeitsbedingungen oder professionelle Unterstützung sein.

Nicht alles lässt sich durch mehr Disziplin lösen. Gleichzeitig muss auch nicht jede Eigenheit behandelt oder korrigiert werden.

Entscheidend ist, was tatsächlich belastet und was dem jeweiligen Menschen hilft.

Wer hat eigentlich beschlossen, wie wir funktionieren müssen?

Wir sind inzwischen ziemlich gut darin, uns selbst zu optimieren.

Produktiver arbeiten. Strukturierter leben. Belastbarer werden. Weniger aufschieben. Mehr schaffen.

Und wenn das alles nicht funktioniert, brauchen wir offenbar nur eine bessere Morgenroutine, die richtige App und ein bisschen mehr Disziplin.

Manchmal frage ich mich, wann wir eigentlich beschlossen haben, dass wir grundsätzlich eine Baustelle sind.

Denn womöglich wäre es hilfreicher, sich zunächst einmal selbst besser kennenzulernen.

Was fällt mir leicht? Was kostet mich Kraft? Unter welchen Bedingungen kann ich gut arbeiten? Und wo versuche ich seit Jahren, mich in Abläufe hineinzuzwingen, die überhaupt nicht zu mir passen?

Das ist für mich der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbstkontakt.

Bei der Selbstoptimierung betrachten wir uns häufig wie ein Projekt, an dem noch dringend gearbeitet werden muss. Irgendwo gibt es bestimmt eine weitere Stellschraube.

Beim Selbstkontakt geht es zunächst darum, wahrzunehmen, was tatsächlich da ist.

Das bedeutet nicht, Beschwerden kleinzureden oder notwendige Behandlung abzulehnen. ADHS kann erhebliche Beeinträchtigungen mit sich bringen, die ernst genommen werden sollten.

Aber wir müssen uns deshalb nicht als grundsätzlich fehlerhaft betrachten.

Ein Mensch kann kreativ, begeisterungsfähig und hervorragend organisiert sein, während ihm andere Aufgaben große Mühe bereiten. Er kann seine Eigenheiten mögen und sich gleichzeitig wünschen, dass manches leichter wird.

Selbstakzeptanz und der Wunsch nach Unterstützung schließen sich nicht aus.

Du musst dich nicht erst ablehnen, um dir Hilfe erlauben zu dürfen.

Du bist immer noch du

Eine ADHS-Diagnose kann viel verändern. Vor allem die Art, wie wir auf unsere bisherigen Erfahrungen schauen.

An unserem Wesen ändert sie allerdings nichts. Unser Humor, unsere Interessen, Fähigkeiten und all die kleinen Eigenheiten, die uns ausmachen, waren schließlich schon vorher da.

Mit diesem neuen Wissen lassen sich manche Zusammenhänge besser verstehen, passende Unterstützung finden und der Alltag so gestalten, dass er zu den eigenen Bedürfnissen passt. Dafür muss nicht plötzlich jede Entscheidung, jede Vorliebe und jede Macke daraufhin untersucht werden, ob sie nun typisch ADHS ist oder einfach typisch Mensch.

Ein paar Dinge dürfen schließlich auch ohne medizinische Erklärung existieren.

Denn am Ende sind wir keine Befunde auf zwei Beinen. Wir sind Menschen mit einer eigenen Geschichte, Wünschen, Widersprüchen und Fähigkeiten, die sich nicht auf diagnostische Kriterien reduzieren lassen.

ADHS kann ein Teil deines Lebens sein, ohne zum Mittelpunkt deiner Identität zu werden.

Es darf dir helfen, dich besser zu verstehen. Aber es ist nicht deine vollständige Gebrauchsanweisung.

Stay wonderful!
Deine Anne

Wichtiger Hinweis

Meine Arbeit dient der persönlichen Begleitung und Selbstreflexion und ersetzt keine medizinische, psychiatrische oder psychotherapeutische Behandlung.